Meine Pilgerreise zum Vergnügen

1. Danke

Zunächst einmal und zum ersten Mal in meinem Leben möchte ich mir selbst dafür danken, dass ich mir die Erlaubnis gegeben habe, diese Reise anzutreten. Dafür, dass ich mich bedingungslos begleitet habe, ohne mein Mitgefühl und meine Liebe für mich selbst bis zum Abschluss dieses Prozesses zu verlieren. Ich möchte die Ängste, Schwierigkeiten und traumatischen Erlebnisse würdigen, die mich zu der Person gemacht haben, die ich bin. Und ich möchte den Teil von mir würdigen, der in der Lage war, den Schmerz zuzulassen, und sogar die missbrauchenden Personen anzunehmen, die in all dem eine Rolle gespielt haben.

Heute bin ich vor allem jenem Teil von mir dankbar, der nicht aufgibt, der nicht an das Unmögliche glaubt, der als Triebkraft für Wachstum danach strebt, das in meinen Zellen verankerte Trauma loszulassen und den Weg vom Opfer zum Überlebenden zu beschreiten. Ich bin diesem Teil sehr dankbar, denn hätte ich nicht durchgehalten, wäre ich heute nicht hier.

Aber ich möchte auch mir selbst dafür danken, dass ich mir eine neue Chance, eine neue Sichtweise und Erfahrung des Lebens und des Lebens darin eröffnet habe. Und ein Großteil dieser Sichtweise rührt daher, dass ich die Methodik der Prozessarbeit entdeckt und mich ihr voll und ganz hingegeben habe. Ich bin den Menschen dankbar, die diese Methode entwickelt haben, und den Menschen, die sie mir aus den beiden Schulen, in denen ich während des gesamten Prozesses gewachsen bin, nähergebracht und vermittelt haben: dem Instituto de Trabajo de Procesos und dem Deep Democracy Institute. Danke an jeden einzelnen der Lehrer dafür, dass ihr mir eure Leidenschaft und euer Wissen vermittelt habt und dass ihr mit Liebe an meiner Seite am Feuer gesessen habt, sodass ich mich heute Tag für Tag auf eine neue Art des Lebens und des Blickes auf das Leben entdecken kann.

Und ich muss meinem Körper einen Namen geben, denn die Erfahrung war nicht gerade leicht, vielmehr war er ein Ort intensiver und schmerzhafter Erlebnisse. Ich möchte ihm Mut zusprechen für seine Stärke und seinen Wunsch, bewohnt zu werden, für seine Sensibilität und seine Fähigkeiten sowie für die Beharrlichkeit, Wege zu finden, um auszudrücken, was mit ihm geschieht, und seine Weisheit einzubringen – auch wenn diese manchmal kaum gesehen oder gehört wird. Und weil er sich trotz der Geschichte, die in ihm festgehalten ist, immer wieder erneuert und verwandelt, um gesund zu sein. Und heute kann ich ihm sagen: Ich danke dir, ich sehe deinen Schmerz, aber auch deine Stärke, deinen Mut und dein Licht.

All dies wäre nicht möglich gewesen oder hätte mir viel mehr zu schaffen gemacht, wenn es nicht die Menschen gegeben hätte, die mir mit viel Liebe zur Seite gestanden, mich unterstützt und mich auf diesem Weg begleitet haben.

Ich danke Andy Smith, meinem wichtigsten Verbündeten in diesem Prozess, für seine Unterstützung, seine Inspiration, sein Interesse an diesem Projekt und seine Hilfe dabei, tiefer in die Materie einzutauchen, sowie dafür, dass er mir geholfen hat, meine intuitiven Eingebungen in Worte zu fassen. An Lily Vassiliu und Kate Jobe für die ständige Begleitung und Fürsorge auf diesem Weg, dafür, dass sie jederzeit an mich geglaubt und mir geholfen haben, Selbstachtung zu entwickeln. An Gill Emslie dafür, dass sie mit ihrer Liebe und Unterstützung immer für mich da war, und an Max Schupbach für die Chancen, die er mir auf diesem Weg eröffnet hat, und dafür, dass er mir beigebracht hat, dass nichts unmöglich ist.

Und ich möchte meine Familie erwähnen, die mir auf diesem Weg auf die eine oder andere Weise stets sehr nahe stand und es irgendwie geschafft hat, mir beizubringen, was bedingungslose Liebe ist. An meine Eltern, die mir das Leben geschenkt haben und dies trotz aller Schwierigkeiten so gut getan haben, wie wir es konnten und wussten. Dafür, dass sie gelernt haben, einander auch in schwierigen Zeiten zu lieben, und dass sie jeden Tag mehr und mehr lernen, miteinander umzugehen.

Und es war wichtig für mich, meinen Weg mit meinen Liebsten teilen zu können, ihnen meine Arbeit und meinen Mut zu zeigen und damit das Schweigen zu durchbrechen, das so sehr isoliert und wehtut. An all jene Menschen, die sich auf die eine oder andere Weise auf diesem Weg um mich gekümmert haben und mir so die Bedeutung von Fürsorge vor Augen geführt haben, die so wichtig ist.

Und ich möchte dieses Werk in gewisser Weise all jenen von uns widmen, die in ihrem Leben sexuellen Missbrauch erlebt haben, um ein wenig von der Einsamkeit zu teilen, die sich dahinter verbirgt, und die Welt ein wenig mehr zum Strahlen zu bringen.

1. Anfänge

a) Diese Reise und die Gründe dafür: “Das Persönliche ist das Politische“1”

“Der beste Weg, Politik zu machen und die Welt zu verändern, besteht darin, unsere innersten Geheimnisse preiszugeben.”2 Arnold Mindell

Dies ist eine Auseinandersetzung mit mir selbst und meiner Vergangenheit, die stellenweise sehr intim ist und von mir und meinen Erfahrungen handelt. Sie entspringt meinem eigenen Leben und befasst sich mit einem Teil meiner Vergangenheit im Zusammenhang mit meinen Erfahrungen von Lust, im weitesten Sinne des Wortes. Es handelt sich um ein heuristisches Projekt, in dem ich persönliche und kollektive Grenzen ausloten werde.3 im Zusammenhang mit dem Erleben von Freude durch die Auseinandersetzung mit meiner eigenen Geschichte, meinen körperlichen Erfahrungen, Gefühlen und Empfindungen sowie unter Einsatz der Methoden des Processwork. Auf diese Weise hoffe ich, meinen persönlichen Prozess zu entfalten, um4 ein gesellschaftliches Thema. Es handelt sich um einen heuristischen Prozess, da ich mich mit dem Thema auseinandersetze, indem ich über meine eigene persönliche Geschichte reflektiere und darüber, wie Lust in dem Moment, in dem ich darüber schreibe und mich damit beschäftige, ausgelöst wird oder auch nicht. Darüber hinaus erhalte ich durch den Einsatz von Processwork- und Innerwork-Methoden sowie durch Rückmeldungen aus den verschiedenen Bewusstseinsebenen auch Feedback von und mit meinem Supervisor. All dies trägt dazu bei, eine heuristische Methode zu gewährleisten, die ein Eintauchen in die Thematik sowie deren Erläuterung und Zusammenfassung ermöglicht.

Das Ziel meiner Reise ist zweigeteilt. Ein Ziel besteht darin, Wege zu finden, mich zu befreien und mit all dem umzugehen, was meine Identität an Leid und Schmerz gebunden hat. Mein Wunsch ist es, eine neue Erzählung für den Rest meines Lebensweges zu schaffen – für eine neue und demokratischere Sichtweise auf meine Erfahrungen, sowohl in Bezug auf meine inneren Stimmen als auch auf mein Bewusstsein für diese Erfahrungen, um nicht länger von inneren kritischen Stimmen beherrscht zu leben. Und mein zweites Ziel – das nicht weniger wichtig ist – besteht darin, dass ich durch das Offenlegen und Erforschen meiner Erfahrungen vielleicht andere Menschen mit ähnlichen Erfahrungen oder Schwierigkeiten erreichen kann, was ich zunächst als “die Fähigkeit, sich der Lust zu öffnen” definiere.

Diese Auseinandersetzung richtet sich an Menschen, die sich für das Thema interessieren oder in der Welt des Processwork tätig sind – dem hier zugrunde liegenden Ansatz und der hier verwendeten Perspektive.

Eine wichtige Erkenntnis, die mir diese Methode vermittelt hat, ist, die verschiedenen Teile von mir anzunehmen. Und so werde ich beginnen, indem ich die verschiedenen Teile, die in mir vorhanden sind, zu Beginn dieser Reise willkommen heiße. Ich möchte meine Stärke und meinen Wunsch, Dinge zu verändern, sowie meinen Glauben an die Möglichkeit von Veränderung durch Bewusstsein willkommen heißen. Ich möchte den Teil von mir willkommen heißen, der Angst davor hat, alte Wunden aufzureißen, die wieder bluten könnten; den Teil von mir, der Angst davor hat, sich bloßzustellen – im Gegensatz zu dem Teil, der glaubt, dass es wichtig ist, unseren eigenen Kämpfen einen Namen zu geben, um das Kollektiv zu verändern. Ich möchte die Teile von mir willkommen heißen, die schreiben und diesen Prozess durchlaufen wollen, sowie den Teil, der das so schnell wie möglich hinter sich bringen und gar nicht erst durchmachen möchte. Ich möchte diese unendliche Vielzahl von Stimmen in mir unterstützen, denn sie alle verdienen ihren Platz und es, gehört zu werden – selbst jene, die auf gesellschaftlicher und persönlicher Ebene am stärksten ausgegrenzt und zum Schweigen gebracht werden.

In meinem Leben, in meiner Arbeit und konkret in diesem Aufsatz habe ich mich oft an den Satz von Arnold Mindell erinnert, mit dem ich dieses Kapitel beginne. Er hat dies vor vier Jahren in einem Kurs in Portland gesagt, und es hat sich tief in mir eingeprägt. Er diente mir als Inspiration, meine Wahrheit zum Ausdruck zu bringen, zu zeigen, wer ich bin, und in meiner ganzen Fülle in die Welt hinauszugehen, wobei ich meine Natur als Teil des Ganzen akzeptiere. Dieser Satz half mir zu verstehen, dass es an der Zeit war, unserem Schmerz, den Geschichten, die wir durchlebt haben, und den verborgensten Geheimnissen jedes Einzelnen eine Stimme zu geben. Nur so können Begegnungen zwischen verschiedenen Menschen eine Welt schaffen, die weniger feindselig, dafür aber aufrichtiger, ehrlicher und menschlicher ist. Es ist wichtig, unsere inneren Kämpfe zu teilen; dadurch erkennen wir, dass sie in unserem Umfeld weit verbreitet sind, und sie entlasten das Feld.5. Das ist Teil meines Engagements in der Welt. Wie Mindell sagt “Das innere Selbst, die Beziehungen und die Welt sind allesamt Aspekte desselben Gemeinschaftsprozesses” (1995). Dieser Ansatz ermöglicht es mir, mich mit persönlichen Problemen auseinanderzusetzen und gleichzeitig die politischen, sozialen und kulturellen Themen anzusprechen, denen ich eine Stimme geben möchte.

Während des Schreibens dieses Textes musste ich mich immer wieder auf den Sinn des Ganzen besinnen, um mich nicht von den Ängsten, Konflikten und Zweifeln mitreißen zu lassen, die damit einhergehen, dass ich mich selbst und einen Teil meiner Geschichte offenlege.

Für mich war das Wort „Lust“ ein Zustand, der weitgehend unerforscht geblieben ist, und zu bestimmten Zeiten in meiner Vergangenheit ein Wort, dem es an echter Bedeutung mangelte. Deshalb beanspruche ich mir den Raum für das Vergnügen, den Sprung über die Schwelle zu wagen, frei darüber sprechen zu können – insbesondere, da ich als Frau sozialisiert wurde – und mich mit der Kraft und Stärke zu verbinden, die hinter diesem Wort verborgen liegen.

Julie Diamond beginnt ihr Buch “Ein Weg, den man durch Gehen schafft” mit diesem Absatz, der meinem Schreiben für mich einen Sinn verleiht:

Wenn das Leben schmerzhafte Erfahrungen mit sich bringt oder Probleme einen überwältigen, ist es befreiend, in diesen Schwierigkeiten einen Sinn zu finden. Solche transformativen Erfahrungen wirken oft wie Zauberei.

Diamond, 2004: S. xi

Und mit dieser Hoffnung auf Wandel und mit einer teleologischen6 Mit diesem Blick begeben ich mich auf diese Reise, um die Pilgerfahrt in Richtung Lust zu vertiefen, mit dem Ziel,
über das gewöhnliche Bewusstsein hinausgehen7 um Muster und Tendenzen zu erkennen,
Formen und Farben, die hinter dem Verborgenen liegen, was an der Oberfläche zu sehen ist. Die Reise verwandelt das, was schmerzhaft und schwierig war, in Dünger, der dabei hilft, neue Früchte zu tragen; mit einem neuen Blick sieht und erlebt sie dieselben Dinge auf eine neue Art und Weise. Im Vertrauen darauf, dass Hindernisse, Herausforderungen und komplexe Situationen ein echtes Potenzial für Lernen, Wachstum und Veränderung bieten.

Mit all dem beginnt die Reise ins Unbekannte, hin zu einer kaum gelebten Identität, der “Kehrseite” des Lebens im Leiden, die ich vorerst als das Gesicht des Lebens im Vergnügen definiere. Eine Reise, die vielleicht als Rückkehr zu etwas beginnt, das man ”Zuhause“ nennt …

Wenn du den Weg des sich entfaltenden Prozesses beschreitest, kannst du dich über die Grenzen vorgefasster Vorstellungen, familiärer Erfahrungen und der gewöhnlichen Identität hinauswagen und dich dennoch auf dem Weg zu deinem eigenen Zuhause fühlen. Dem Fluss des Prozesses zu folgen bedeutet auch, sich auf das einzulassen, was im jeweiligen Moment geschieht, anstatt sich dagegen zu wehren. […] Das bedeutet, dass wir uns, wenn ein Hindernis oder eine Schwierigkeit auftaucht, dieser stellen, um herauszufinden, welche Veränderungen diese Herausforderung für uns bereithält. Dies ist eine spirituelle Haltung, die daran interessiert ist, zu entdecken, wie sich unser innerstes Wesen auf alles einstimmt, was im Alltag auftaucht, und wie dies verhindert, dass wir zu Opfern unserer Erfahrungen werden.

Diamond & Spark Jones, 2004: 18

Mechanische Systeme weisen ein vorhersehbares Verhaltensmuster auf, das auf Ursache und Wirkung beruht; in komplexen Systemen hingegen lehrt uns die Theorie, dass wir nicht alles vorhersagen können, was geschehen wird, da viele Akteure beteiligt sind, die miteinander interagieren. Ich stelle mich dieser Herausforderung und beginne diese Arbeit, ohne zu wissen, was im Laufe dieses Prozesses geschehen wird, ohne die Ergebnisse vorhersagen zu können, und mit der Absicht, dem natürlichen Fluss des Prozesses zu folgen und seinen Signalen nachzugehen.8 und zu beobachten, wie sich die Kapitel, Erkenntnisse und Gefühle auf der Reise den Fluss hinunter entwickeln, und mich von seinen Strömungen und anderen Elementen mitreißen zu lassen. Ich steige in einen Zug namens “Pilgerfahrt zum Vergnügen”, bereit, in neue Welten zu reisen, mit einem Ziel, das ich heute noch nicht genau kenne, das ich aber in meinem Herzen spüre: dass mir diese Reise und die damit verbundenen Entscheidungen etwas Wichtiges bringen werden. Ich weiß, dass die Reise nicht einfach sein wird und dass es Momente geben wird, in denen ich am liebsten aus dem Zug aussteigen möchte. Aber ich nehme das Auftreten von Schwierigkeiten und die Auseinandersetzung mit Glaubenssystemen in Kauf9 und innere Kämpfe, denn ich bin mir sicher, dass nichts schlimmer sein kann als der Kampf gegen das Leben und die Freude, den ich auf die eine oder andere Weise bereits durchlebt habe – auf dem Weg, den ich schon zurückgelegt habe. Und diese Reise zur Bewusstwerdung anzutreten, Ich versuche, das Opfer meiner Erlebnisse hinter mir zu lassen, um eine neue Rolle anzunehmen10, zumindest kreativer, mit mehr Eigeninitiative, mehr Ganzheitlichkeit und eine umfassendere, weniger voreingenommene Sicht auf die Realität.

Es ist daher eine wichtige persönliche Entscheidung, eine Verpflichtung gegenüber dem Leben, ein Perspektivwechsel “hin zu etwas, das ich mit Licht verbinde”, die Erlaubnis zu Genuss und Freiheit, die Wahl des Weges des geringsten Widerstands und das Schwimmen in Richtung der Strömung, hin zur Schönheit… Ich begebe mich auf eine Pilgerreise in Richtung Genuss … um die Kehrseite der Medaille zu entdecken und sie als Teil von mir selbst zu integrieren, mit dem Ziel, mich zu einem ganzheitlicheren Wesen zu entwickeln und mein Leben in meiner Ganzheit zu leben.

Angetrieben von dem Bedürfnis, einen Sinn in meinem Dasein zu finden, lasse ich mich von der Freude zu einem neuen Lebensweg inspirieren – und hier beginnt das Abenteuer…

Und ich möchte euch einladen, mich auf dieser Reise zu begleiten, aber ich gehe schon jetzt davon aus, dass wir unsererseits alle Urteile und Ansprüche über Bord werfen werden, um den Weg frei zu machen…

b) Ausgangspunkt: Überblick über die Prozessarbeit

Dieses Projekt ist Teil meiner Abschlussphase des Studiums des Processwork bzw. der prozessorientierten Psychologie. Dabei handelt es sich um ein Paradigma und eine Methodik, die in den 70er- und 80er-Jahren aus der Jungschen Psychologie hervorgegangen sind und von Arnold Mindell, einem Jungschen Analytiker und Physiker, entwickelt wurden. Mindell erforschte gemeinsam mit einer Gruppe von Studenten die Entwicklung der Theorie und Praxis des Processwork.

Es handelt sich um eine mehrstufige und multikulturelle “Bewusstseinsübung”, die Einzelpersonen, Beziehungen und Gruppen dabei unterstützt, sich selbst zu entdecken. Sie findet Anwendung in der Psychotherapie, im Führungskontext, im Coaching, in der Medizin, in der Politik, in der Kunst und in der Organisationsarbeit.

Für mich war die Entdeckung des Processwork ein Geschenk, das mir neues Leben eingehaucht hat. Ich habe es zu einem Zeitpunkt in meinem Leben entdeckt, als mein Leid und meine Qualen mein Leben in eine dunkle, graue Farbe tauchten. Und diese Methode war wie ein Lichtstrahl aus dem Jenseits, der meinem Leben neue Farbtöne verleihen und mir eine andere Perspektive darauf eröffnen konnte. In den vergangenen Jahren durchlief ich einen langen Prozess des Bewusstwerdens, des Glaubens an meine Erfahrungen und des Nachgehens dieser Erfahrungen, um mich selbst weiter zu entdecken und mich einer neuen, demokratischeren Sichtweise auf mich selbst, meine Vergangenheit und die Welt zu öffnen und so meine Identität zu erweitern, mit dem Ziel, ein freundlicheres und mitfühlenderes Wesen zu entwickeln als das, das ich in meiner Vergangenheit war. Gleichzeitig lernte ich, Erfahrungen weniger einseitig und streng zu betrachten und meinen Überzeugungen und Erfahrungen einen besseren Weg zu geben, um mit den auftretenden Schwierigkeiten umzugehen.

Dieses Paradigma lehrt uns, an die verborgene Weisheit der oft ignorierten, beunruhigenden Aspekte unseres Selbst, unserer Beziehungen und unseres Umfelds zu glauben – jene Aspekte, die wir gerne beiseite schieben. Und wir nutzen verschiedene Wege, um diese Erfahrungen zu entfalten und ihre Weisheit zu offenbaren, indem wir die verschiedenen Aspekte verinnerlichen und auf ihre Botschaften hören, um so die Integrität des Systems zu fördern.

Viele Jahre lang hatte ich das Gefühl, dass es keinen Platz für mich gab, dass ich nicht auf diesen Planeten gehörte. Schließlich wurde mir klar, dass es innerhalb der sichtbaren Welt andere Unterwelten oder Parallelwelten gibt, in denen ich mich manchmal mehr zu Hause fühlen kann. Das hat mir geholfen, meinen Platz zu finden.

Processwork hat mir unter anderem die Fähigkeit vermittelt, mein tiefstes Wesen – das abenteuerlustig und intensiv ist – mit größerer Leichtigkeit, Mitgefühl und Liebe anzunehmen. Und ein Teil dieser Reise, dieses Projekts, hat mit der Verbindung zu meinem tiefsten Selbst und meinem Weg zurück nach Hause zu tun.

c) Mein Gepäck und meine Metafähigkeiten

Entscheidend für diese Reise wird das Gepäck sein, das ich mitnehme. Vor allem nehme ich mich selbst mit, zusammen mit meiner Geschichte und all ihren Farben und Schatten, meinen Träumen und Fantasien. Aber es gibt noch etwas sehr Wichtiges, das ich mitnehmen muss, um die Qualität meiner Erfahrungen während der Reise, beim Schreiben, Nachdenken, Studieren und Schaffen zu gewährleisten. Das sind die Werkzeuge, Fähigkeiten und vor allem die Metakompetenzen.11, die ich auf meinem Weg gelernt und entwickelt habe. Sie helfen mir, mit leichterem Gepäck, sanfter und mit mehr Liebe zu mir selbst zu reisen. Denn in erster Linie werde ich selbst das Wertvollste im Koffer und auf dieser Reise sein, und dies ist die Gelegenheit, mir die Zuwendung zu geben, die ich brauche, und von da an eine Veränderung zu bewirken.

Hinzu kommt die Herausforderung, diesen Weg vom Vergnügen weg und nicht hin zum Vergnügen zu gestalten; oder zu versuchen, darin zu sein oder sich ihm zu öffnen. Ohne mich zu drängen, sondern ihm Raum zum Sein zu geben, jenseits von Grenzen, Glaubenssystemen und Ängsten.

Und bevor ich mich auf diese Reise begebe, möchte ich zugeben, dass ich sie mit großer Angst beginne. Ich habe das Gefühl, mich einer Gefahr auszusetzen, und dennoch weiß ich bis heute nicht, wie ich das, was ich tief in meinem Innersten spüre, in Worte fassen soll. Aber ich habe das Gefühl, dass ich eine Vereinbarung mit dem Leser treffe, bei der ich mir wünsche, dass wir uns beide einem Risiko aussetzen. Ich bin bereit, dieses Risiko einzugehen, und ich spreche über meine Geschichte, meine Vergangenheit, meine Verletzlichkeit als Mensch, als jemand, der fühlt, und vor allem als Frau. Eine Frau, die ihr Innerstes offenbart, um von ihrem Schmerz, ihrer Frustration, ihren Kämpfen, von Abgründen der Traurigkeit und Depression, von Traumata und Missbrauch zu erzählen – und von all dem, was Spuren hinterlassen hat. Doch nicht nur das, sondern auch von einem Inneren, das von Hoffnung, Licht und vielen, so vielen Träumen erzählt, die gelebt werden wollen. Und gerade wegen der Intimität all dessen versuche ich in diesem Text, eine Verbindung herzustellen, eine Beziehung zwischen meinem Schreiben und demjenigen, der es liest; allein der Gedanke daran schenkt mir eine Sichtweise, die weniger von Urteilen geprägt ist, sondern vielmehr von Verständnis und Mitgefühl für mich selbst – eine Stimme für eine bessere Welt.

Wie Brigitte Vassallo in einem Vortrag sagte: “Ich schreibe, damit meine Narben nicht mehr nur meine eigenen sind” (Barcelona 2018)

Da das Schreiben aus meiner Intimität heraus entsteht, wird es mir wichtig sein, respektvoll und mir selbst treu zu bleiben. Das bedeutet, dass ich nicht vorhabe, besonders formell, rational oder intellektuell zu schreiben, sondern den kreativen Prozess zu erkunden und dabei Spaß zu haben. Es wird ein Prozess sein, in dem ich lerne, wie es geht, meine Schwierigkeiten und Fähigkeiten kennenlerne und dabei versuche, nicht stecken zu bleiben, mich nicht in eine Schublade stecken zu lassen oder mich nicht zu sehr mit einem starren Schema meiner Identität zu identifizieren, das mich letztendlich unterdrücken könnte.

Angesichts der Bedeutung der Methode, bei der der Schwerpunkt auf dem Prozess und nicht auf dem Endergebnis liegt, wird eine wichtige Fähigkeit, die ich mir aneignen muss, folgende sein: Mitgefühl. Das Mitgefühl mir selbst gegenüber als Autorin. Amy Mindell beschreibt diese Metakompetenz “als eine Eigenschaft, die in vielen spirituellen Traditionen zu finden ist. Es ist eine besondere Fähigkeit des Fühlens, die es ermöglicht, die Welt des Klienten zu verstehen und nachzuempfinden” (Amy Mindell, 1995: 66); und in diesem Fall wird diese Eigenschaft besonders darauf zutreffen, wie ich mich selbst beobachte und mit mir umgehe. Sie definiert diese Eigenschaft als “das Hegen, die Fürsorge und die Zuwendung gegenüber jenen Teilen von uns selbst, die wir mögen und mit denen wir uns identifizieren, während wir gleichzeitig jene Teile, die wir nicht mögen, gleichermaßen beachten und wertschätzen […] Darüber hinaus bedeutet Mitgefühl, all diesen Teilen dabei zu helfen, sich zu entfalten und ihre wesentliche Natur und Bedeutung zu offenbaren” (Amy Mindell, 1995: 69)

Diese Eigenschaft zu entwickeln, war für mich entscheidend, um mich mit komplexen Themen aus meiner Vergangenheit auseinandersetzen zu können, Schwierigkeiten mit Liebe und weniger Urteilsvermögen anzunehmen und vor allem, mich nicht von inneren Kritikern überwältigen zu lassen.12 und in der Lage zu sein, ihnen Grenzen zu setzen.

All unsere inneren Stimmen zu respektieren, ist eine zutiefst demokratische Haltung uns selbst gegenüber, die in der Gruppenarbeit auch als Tiefe Demokratie13. Dies war ein äußerst notwendiger Schritt, um über meine primäre Identität hinauszuwachsen und zu vermeiden, mich von den tyrannischen Kräften mitreißen zu lassen, die oft dazu neigen, mich zu beherrschen und zu unterdrücken. In meiner persönlichen Arbeit bedeutet „Deep Democracy“ für mich, zu versuchen, all meine inneren Stimmen, vielfältigen Emotionen, widersprüchlichen Gedanken und Gefühle, subtilen Regungen usw. anzunehmen, wertzuschätzen und ihnen ein ausgewogenes Maß an Einfluss zu gewähren. Dabei versuche ich, die wichtige Botschaft oder den Beitrag zu entdecken, den jede einzelne davon zu bieten hat. Die Philosophie der „Deep Democracy“ anzuwenden, ist eine schwierige Aufgabe, denn es gibt immer Aspekte des Selbst oder anderer, die ich am liebsten einfach ändern oder loswerden würde. Dennoch ist es wichtig und notwendig, die verschiedenen Teile, die als Teile des Ganzen zum Vorschein kommen, zu integrieren und zu erforschen; dabei versuche ich, einen inneren Ältesten zu entwickeln14 oder eine Moderatorin bzw. einen Moderator, die bzw. der die Vielfalt der Perspektiven gleichzeitig berücksichtigen und wertschätzen kann, um das, was sich entwickelt, ohne Vorurteile anzunehmen.

Diese moderierende Figur wird oft zwischen den verschiedenen Anteilen vermitteln und den Dialog zwischen ihnen herstellen müssen. Es wird sehr hilfreich sein, ihr einen eigenen Raum zu geben, damit sie die verschiedenen Stimmen wahrnehmen und den Prozess in seiner Gesamtheit begleiten kann – aus einer eher distanzierten und weniger involvierten Perspektive, die weniger in das Drama des Lebens eingebunden ist.

Ein wichtiger Beitrag des Processwork ist diese Offenheit, abgelehnte und eher nebensächliche Erfahrungen anzunehmen.15, “die numinosen und unerklärlichen Elemente des Lebens, die den Keim für neues Leben und neue Kreativität in sich bergen” (Amy Mindell, 1995: 57) und uns eine umfassendere Erfahrung der Realität ermöglichen können.

Das “Anfängergeist” ist eine weitere wichtige Metakompetenz, um das anzunehmen, was auf dem Weg entstehen mag. Es ist eine Zen-Haltung: “Ein Geist – oder vielleicht ein Herz –, der offen und unvoreingenommen ist […], ermöglicht es uns, scheinbar unbedeutende Ereignisse wahrzunehmen und zu würdigen” (Amy Mindell: 82). Sie ermöglicht mir einen freieren und unvoreingenommeneren Blick, der weniger an Dinge gebunden und spontaner ist, sodass ich
kann den sekundären Prozess untersuchen16 ohne mich an bereits
etablierte Labels. Diese Fähigkeit ist für mich nützlich, zusammen mit Neugier, um neue Aspekte oder neue Sichtweisen auf Tatsachen und Gefühle zu entdecken und mir zu erlauben, jede Erfahrung als etwas Einzigartiges zu erkunden.

Bevor ich mit dem Schreiben begann, war mir von vornherein klar, dass ich Kunst und Kreativität einbeziehen musste, um diesen Prozess voranzutreiben, denn gerade dadurch habe ich oft gespürt, wie mein Leben geheilt wurde und schöner und erfüllter wurde. Und ich habe das Gefühl, dass dies viel mit meinem Erleben von Freude zu tun hat und damit, mir selbst die Erlaubnis zu geben, meine Zeit dem Schaffen und Genießen von Kunst zu widmen – etwas, das für meine Kritiker eine große Herausforderung darstellt.

Die kreativer Geist “ermöglicht es dir, dich auf das einzulassen, was du gerade erlebst, eins damit zu werden und tatsächlich damit zu gestalten. Du bist nicht länger ein passiver Beobachter, sondern eine lebendige, schöpferische Kraft in der Natur selbst” (Amy Mindell: 135). In diesen Momenten der Kreativität fühle ich mich frei durch die Energie des Spiels und der Losgelöstheit, als wäre ich ein unschuldiges Kind ohne Vorurteile. Das sind Momente, in denen Freiheit und Lebensfreude aufblühen und in denen etwas Neues jenseits meiner gewöhnlichen Identität und meines Bewusstseins entsteht – als Brücke zu anderen Welten. Manchmal sind es Augenblicke, die mich mit dem Wesen selbst verbinden, mit etwas, das jenseits des Erklärbaren liegt.

Und da all diese Elemente für die sorgfältige Durchführung des Prozesses wichtig sind, habe ich sie – ganz im Sinne der Magie der Alchemie – in einen Topf gegeben, um sie zu kochen, in der Hoffnung, dass dabei etwas wie Gold oder etwas in seinem Wesen Ähnliches entsteht.

Und bevor man den Koffer schließt, Ich vergesse nicht, meinen Kritiker auf meine Reise mitzunehmen. Doch dieses Mal lade ich ihn als wertvollen Verbündeten ein, um mir dabei zu helfen, Details und Probleme aufzudecken, die ohne ihn möglicherweise unbemerkt blieben. Vor allem aber tue ich dies, indem ich den Raum, den er einnimmt, neu verhandle und die Art meiner Beziehung zu diesen kritischeren Stimmen sorgfältig neu definiere.

d) Wo alles beginnt

“Der Tod bestimmt meinen Weg”

Vor mehr als einem Jahr, nach Jahrzehnten tiefen Leidens, Jahren des ständigen Kampfes gegen meine Neigung zu Depressionen und nach einer intensiven Suche nach dem Sinn meines Daseins, sagte ich mir zum x-ten Mal: Ich muss mein Leben ändern. Aber Diesmal geht es nicht darum, “mein Leben zu ändern”, sondern darum, mein Leben anders zu betrachten und anders zu empfinden.

An mehreren Punkten in meinem Leben klopfte der Tod an meine Tür – oder besser gesagt: Ich war es, die an seine Tür klopfte, um einen Ausweg aus der Qual zu finden, die ich durchlebte. Ich musste am Abgrund des Lebens stehen, um es lieben, schätzen und den Wunsch verspüren zu können, darin zu leben. Ich brauchte einen letzten, heftigen Schlag, um die Entscheidung zu treffen, mich für die Seite des Lebens, des Lichts, des Ja-Sagens, der Fülle … zu entscheiden – für das, was ich heute als die Seite der Freude bezeichnen würde.

Alles begann gegen Ende meines Studiums, als ich das Thema für meine Abschlussarbeit wählen musste. Die Sexualität von Frauen, Lust und Freiheit waren Themen, die mich schon seit Jahren faszinierten. Es waren Themen, die in meinen Gesprächen und Sorgen oft eine Rolle spielten und sogar Teil meiner großen persönlichen Kämpfe waren. In diesem Moment kam es zu einem starken emotionalen Bruch, und noch am selben Tag versagte mein Körper. Das brachte eine Reihe schwieriger Umstände mit sich, die erneut zu einer tiefen Depression führten, diesmal jedoch auch zu dem Willen, den Weg vor mir frei zu machen.

Aufgrund eines schweren Unfalls musste ich mich einer Operation unterziehen. Eine Operation unter Narkose markiert in meiner Geschichte einen Wendepunkt. Es mag schwer nachvollziehbar sein, warum man vor einem so einfachen Eingriff wie diesem Angst haben sollte. Doch für Menschen, deren Körper eine Geschichte des Missbrauchs in sich trägt, kann es beängstigend sein, den Körper für eine Operation unter Narkose abzugeben und keine Kontrolle mehr über ihn zu haben. Es war ein wichtiger Moment der Hingabe, in dem ich nur darauf vertrauen konnte, dass mein Körper mit Respekt behandelt werden würde. Es war ein wichtiger Wendepunkt: Ich konnte nur hoffen und darauf vertrauen, dass mein Körper mit Respekt behandelt werden würde. Diesmal musste jemand anderes als ich selbst äußerst wachsam sein, und ich würde zufällig eine andere, weniger vertraute Rolle einnehmen, nämlich die des Vertrauens und der Hingabe… Nach der Operation musste ich Wochen im Rollstuhl verbringen, und zum ersten Mal in meinem Leben erlebte ich Stille und körperliche Unbeweglichkeit, was mir eine klare Einsicht in meine angeborene Bewegungsnatur verschaffte. Ich hatte viele Tage Zeit zum Nachdenken und Reflektieren, und mir wurde klar, dass eines sicher war: An dem Tag, an dem ich wieder laufen würde, müsste ich einen neuen Weg einschlagen, neue Wege zu beschreiten. Ich wollte nicht immer wieder auf den altbekannten Pfaden der Depression und der dunklen Orte umherirren. Es war an der Zeit, meine Opferrolle hinter mir zu lassen und die Haltung einer Überlebenden einzunehmen, um mich neu zu definieren und daran zu glauben, dass ich meine alte Identität, die mir nicht mehr dienlich war, ablegen konnte. Als Prozess betrachtet, brachte dies widersprüchliche Elemente zusammen: einen Teil, der erkannte, dass er die Dinge nicht kontrollieren konnte, und einen anderen Teil, der vorwärtsging und sich selbst stärkte, um einen anderen Weg einzuschlagen. Mir wurde klar, dass dies viel damit zu tun hat, die Erfahrung zu verinnerlichen unbeweglich zu sein!

Das waren schwierige Monate, aber meine Entscheidung stand fest: Es war an der Zeit, einen neuen Weg einzuschlagen.

In dieser Zeit wurde mir allmählich bewusst, wie ich viele Jahre an einem Ort verbracht hatte, an dem mein Leben in Dunkelheit gehüllt war, und wie sehr die Freude in meinem Leben gefehlt hatte. Also nahm ich das Wort Vergnügen als Gegenstand meiner Forschung, und ich machte mich auf, um herauszufinden, wie es ist, das Vergnügen zu erleben, es zu benennen, zu spüren und mir sogar zu erlauben, es zu genießen. Und so begann meine neue Rolle.

Kurz nachdem ich dieses Abenteuer begonnen hatte, bot sich mir die Gelegenheit, nach Indonesien zu reisen und eine Reise zu unternehmen, die ich meine “Reise des Genusses” nenne. Ich machte diese Reise zu einer Herausforderung für mich selbst, denn meine Überzeugungen versuchten, das Abenteuer zu boykottieren und die Idee, ausschließlich zum Zweck des Genusses zu reisen, herabzuwürdigen. Trotz der inneren Konflikte, die diese Herausforderung mit sich brachte, und obwohl ich nicht ganz sicher war, ob ich eine solche Reise durchhalten würde, schnappte ich mir meinen Rucksack und machte mich auf den Weg, um zu lernen, den Moment einfach zu genießen. Und das tat ich tagelang: Ich stellte mich meinen inneren Kritikern, fand zwar keine vollständige Zufriedenheit, konnte mich aber dennoch davon abhalten, in meinem Leid zu versinken. Es war eine komplexe Suche, die viele unangenehme Gefühle hervorrief, aber ich ging sie ohne Leid an. Nichts schien mir besonders beeindruckend, und innerlich war ich irgendwie erstarrt, aber ich ließ mich einfach treiben und verlangte nicht zu viel von mir.

Und plötzlich kam der Tag, an dem sich mein Leben schlagartig änderte…

Es war ein wunderschöner, sonniger Tag. Ein neuer Freund und ich erkundeten eine kleine Insel, und die Einwohner schenkten uns ein strahlendes, freundliches Lächeln, wenn sich unsere Blicke trafen. Es war faszinierend, was die Einheimischen in mir weckten – ich war voller Dankbarkeit. Und zwischen einem Lächeln und dem nächsten brach auf dieser winzigen, zauberhaften Insel die Nacht herein; aus dieser Erfahrung heraus schrieb ich diesen Brief:

Auf der Rückfahrt geschrieben:

Ich hatte eine Vergnügungsreise unternommen, mit dem einzigen Ziel, zu lernen, mein Leben stärker am Vergnügen auszurichten. Sich dem Vergnügen hinzugeben, ist eine Aufgabe, die vielen vielleicht leicht erscheint, für mich jedoch eine ganz neue Entdeckung und Herausforderung darstellte. Und seltsamerweise entstand aus diesem Vergnügen der schlimmste Albtraum, den ich hätte durchleben können: das Gefühl, dass diesmal nicht ich selbst über Leben und Tod entscheiden würde, sondern dass die Natur für mich entscheiden würde.

Bevor ich fortfahre, muss ich noch sagen: Auch wenn ich hier von meinen eigenen Erlebnissen berichte, haben viele andere das Erdbeben nicht überlebt.

Aus dieser Erfahrung und aus dem Versprechen, das ich gegeben hatte, schöpfte ich viel Kraft, das Leben dem Tod vorzuziehen und mich noch entschlossener dazu zu verpflichten, mit bestimmten Tendenzen zu brechen. Heute, einige Zeit später, bin ich – trotz des Schreckens und der Qualen jener langen Stunden des Wartens – zutiefst dankbar für das, was mich die Natur gelehrt hat. In jener Nacht kam der Tod zu mir, um mich mit dem Leben zu verbinden, und es war nicht das erste Mal, dass er mich besuchte, doch als er dieses Mal erschien, kam die Wahl für ihn nicht in Frage – eine Entscheidung, die selbst in größter Qual nicht zu treffen wäre. Jetzt, im Rückblick, kann ich erkennen, wie es in jener Nacht extremer Qual – auch wenn es paradox erscheint – ein kleines Gefühl der Erleichterung gab, das Gefühl, dass ich nichts anderes tun konnte als zu warten, dass alles außerhalb meiner Kontrolle lag, dass es keinen Kampf mehr gab. In diesem Moment wurde meine Identität als Krieger und Kämpfer aufgehoben. Ja, es war ein Gefühl der Erleichterung, nach dem ich in meiner Geschichte so oft gesehnt hatte, in der ich mir den Tod als Weg zur Hingabe vorstellte, zum Aufgeben des Kampfes, als Ruhepause von so viel Leid … Doch in jener Nacht, in dem Moment, in dem ich am meisten leben wollte, gab es ein Gefühl der Freiheit, der Losgelöstheit, mich dem Leben hinzugeben. Vielleicht hatte das etwas mit Lust zu tun?

Diese Erfahrung annehmen, bei der der Tod in Synchronizitäten als Lebensratgeber auftritt18:

Alte und schamanische Lehren sprechen davon, Weisheit aus Synchronizitäten zu gewinnen, das heißt, auf die Umgebung zu hören. Indem man ungewöhnliche äußere Ereignisse ernst nimmt und sogar an die eigenen Lügen glaubt, nähert man sich seinen persönlichen Mythen. Tust du dies nicht, muss der Tod selbst deine Vorstellung davon, wer du bist, ins Wanken bringen und dich sozusagen mit vorgehaltener Waffe dazu zwingen, dich zu ergeben und den natürlichen Ereignissen zu folgen.

Mindell, 2017: 14

Diese Erfahrung hat mich dazu veranlasst, diesem Beitrag den Titel “Die Pilgerreise zum Vergnügen” zu geben, wobei der Schwerpunkt auf dem Vergnügen im Leben liegt.

3. Auf dem Weg zum Vergnügen

a) Kurzer historischer Überblick

Lust kann ein abstraktes und diffuses theoretisches Konzept sein, da sie mit der Subjektivität jedes Einzelnen zusammenhängt und auf den Sinnen und Erfahrungen des Einzelnen beruht. Wenn wir jedoch über Lust sprechen, haben wir doch ein gesellschaftliches Bild, eine bestimmte Vorstellung oder Erfahrung davon, was Lust ist. In diesem Kapitel werde ich versuchen, darzulegen, worüber wir uns hinsichtlich der Definition von Lust einigen könnten. Dabei gehe ich zunächst von der Definition aus Wikipedia aus, wonach Lust mit der Befriedigung eines Bedürfnisses zusammenhängt.

Vergnügen kann als positives, angenehmes oder euphorisches Empfinden oder Gefühl definiert werden, das sich in seiner natürlichen Form manifestiert, wenn ein bewusstes Individuum ein bestimmtes Bedürfnis vollständig befriedigt: Trinken bei Durst; Essen bei Hunger; Ruhe (Schlaf) bei Müdigkeit; Sex zur Befriedigung der Libido; Spaß (Unterhaltung) bei Langeweile; und Wissen (wissenschaftlich oder nicht-wissenschaftlich) oder Kultur (verschiedene Kunstformen) bei Unwissenheit, Neugier und dem Bedürfnis, Fähigkeiten zu entwickeln. Die Natur verbindet das Gefühl der Freude in der Regel mit einem Nutzen für die Spezies, und die Philosophie ordnet es den möglichen Arten des Glücks zu

https:// es.wikipedia.org/wiki/Placer , 07.05.2019

Betrachtet man die Etymologie des Wortes, so geht das Wort “Vergnügen” laut dem Wörterbuch der Königlichen Akademie der spanischen Sprache auf das Lateinische zurück placere (um jemandem eine Freude zu machen oder ihm Freude zu bereiten). 2. m. Körperliche oder seelische Freude oder Wonne, die durch das Tun oder Wahrnehmen von etwas entsteht, das einem gefällt oder als gut angesehen wird.

Um über das Vergnügen zu sprechen, muss ich eine Zeitreise unternehmen, da dieser Begriff je nach soziokulturellem Kontext und Epoche unterschiedlich verstanden wurde. Da es sich hierbei nicht um ein objektives quantitatives Forschungsprojekt, sondern vielmehr um ein heuristisches Vorhaben handelt, werde ich mir historische Sprünge erlauben. Ich werde skizzieren, wie verschiedene Autoren, die sich mit diesem Begriff auseinandergesetzt haben, ihn möglicherweise definiert haben.

Um diesen Überblick zu geben, möchte ich bei der griechischen Kultur ansetzen, da diese das westliche Denken maßgeblich geprägt hat und sich um das Vergnügen herum entwickelt hat.

Die griechische Mythologie ist voller Götter und Göttinnen, Halbgötter, Helden und Heldinnen, deren Handlungen stets von zahlreichen sexuellen Begegnungen und Untreue geprägt sind. Diese Vorbilder und Bezugspunkte wurden von der Gesellschaft nachgeahmt. Das Verhalten dieser mythologischen Figuren war von Lust geprägt, was zu einer gesellschaftlichen Akzeptanz derselben führte. Man darf jedoch nicht vergessen, dass diese Erfahrung oder Vorstellung von Lust in den oberen Gesellschaftsschichten stattfand und somit ein Privileg war, das nur wenigen vorbehalten war.

In den Werken von Platon und den Sophisten spielen die Genüsse eine zentrale Rolle. Sie stellen das Vergnügen als etwas ethisch Gutes dar und sprechen sich dafür aus, es zu pflegen, zu schützen und sogar zu normalisieren.

In der griechischen Kultur folgten auf die Sophisten Epikur und die Hedonisten. Die Epikureer strebten die Abwesenheit von Schmerz an, wobei der Einzelne auf alles verzichten sollte, was Schmerz und Leid verursacht. Für die Epikureer lag der Schlüssel zur Erfüllung im klugen Umgang mit Lust und Schmerz, in der Kultivierung der Ataraxie (der Seelenruhe), verbunden mit dem Bewusstsein, dass übermäßige Lust zu Schmerz führen kann.

Das Wort “Hedonismus” leitet sich von der Wurzel ab hedoné was “Vergnügen” bedeutet, und das Suffix -ismus das “Lehre” ausdrückt. Daher, “Der Hedonismus ist eine philosophische Lehre, die das Vergnügen als das höchste Gut des menschlichen Lebens betrachtet.” (Wikipedia) Gleichzeitig muss das Lustprinzip jedoch gezügelt werden, um eine nicht-neurotische Psyche zu entwickeln.

Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts setzten sich Philosophen mit dem Wesen des Vergnügens auseinander, wobei ihr Interesse vor allem dem Hedonismus galt. (Oxford Encyclopedia of Philosophy 1995: 834).

Wir dürfen nicht außer Acht lassen, wie diese philosophischen Strömungen durch den Aufstieg des Christentums geprägt wurden. Dies ruft die Vorstellung eines allgegenwärtigen Gottes hervor, der alles beobachtet, Schuld erzeugt und die Konzepte von Sünde, Verboten und Bestrafung einführt. Anfangs basierte das Christentum auf der griechischen Philosophie und stellte den Geist über den Körper. Erst später wurde die christliche Sichtweise auf Sexualität radikal umgestaltet: Mit der Versuchung Adams im Paradies, als er “Evas Vorschlag annahm”, wird das sexuelle Verlangen zum ersten Mal mit den Ursprüngen der Sünde in Verbindung gebracht. Das ist der Moment, in dem die menschliche Sexualität ausschließlich zum Zweck der Fortpflanzung und innerhalb der Ehe verstanden wird. Diese Verbindung zwischen Sex und Sünde prägt die christliche Sexuallehre seit mehr als tausend Jahren, und auch heute noch leben wir unter diesen Vorgaben, die das kollektive und soziale Unbewusste prägen. Nach einer freien Wiedergabe von (https://www.nuevatribuna.es/articulo/historia/sexualidad-mundo-cristiano/20170918123834143458.html)

Erlauben Sie mir nun einen historischen Exkurs. Mit dem Humanismus und dem Aufkommen der Moderne gewann die Wissenschaft stark an Bedeutung, und der Begriff des Vergnügens wurde neu definiert, wie Schopenhauer, Marx, Freud und all die sogenannten Philosophen der “Die Schule des Misstrauens” beispielsweise durch das Aufkommen des Kapitalismus und liberaler Gesellschaften. Diese Philosophen werden als solche bezeichnet, weil sie die Grundlagen der westlichen Philosophie und insbesondere die Rolle der Vernunft hinterfragen. Für Freud ist die Vernunft nur ein Teil des Geistes und im Vergleich zum Unbewussten sehr klein. Er formulierte die Idee des “Lustprinzips” im Gegensatz zum “Schmerzprinzip” und legte damit nahe, dass Menschen von Geburt an dazu neigen, instinktiv nach Lust zu streben.

Das Lustprinzip ist eines der beiden Prinzipien, die laut Freud die psychische Funktionsweise bestimmen: Die gesamte psychische Aktivität zielt darauf ab, Unlust zu vermeiden und Lust zu suchen. Da Unlust mit einer Zunahme der Erregungsmenge und Lust mit einer Abnahme derselben verbunden ist, stellt das Lustprinzip ein ökonomisches Prinzip dar.

Wikipedia, 12.09.2019

Aus Jungs Sicht wäre diese psychische Energie auch der Ausgangspunkt, der es den Menschen ermöglicht, unter verschiedenen Umständen nach Lust zu streben und Konflikte zu verringern.

Und es scheint, dass all diese philosophischen und psychologischen Vorstellungen von Lust nicht nur Vermutungen sind, sondern dass es dafür auch eine wissenschaftliche Erklärung gibt, die belegt, dass das Gehirn darauf ausgelegt ist, nach Lust zu streben. Normalerweise führt das Tun von etwas Angenehmem dazu, dass Neuronen den Botenstoff Dopamin ausschütten. Diese Ausschüttung löst ein Wohlgefühl aus und weckt den Wunsch, eine Handlung immer wieder zu wiederholen.

Mit dem Aufkommen liberaler und postmoderner Gesellschaften wurde das Vergnügen zu etwas Flüchtigerem, verbunden mit dem Verlangen nach Konsum und dem Kapitalismus – und zwar nicht nur dem wirtschaftlichen, sondern auch dem kulturellen Kapitalismus, in dem jeder Mensch ein kleines Unternehmen ist, in das man investieren muss, um stets auf dem neuesten Stand, informiert und in Form zu sein … Glücklich zu sein scheint eine Art Verpflichtung zu sein, und die vorherrschenden Werte sind Erfolg, soziale Anerkennung und ständiges Wohlbefinden … Andererseits werden Traurigkeit, Angst, Verletzlichkeit, Schmerz und Unzufriedenheit abgelehnt und beiseitegeschoben, unsichtbar gemacht und sogar als Teil einer Krankheit betrachtet. Glücklich zu sein scheint alle möglichen Anstrengungen zu rechtfertigen und schafft umgekehrt eine Last aus Angst und Schuldgefühlen, wenn man sich traurig fühlt. Es scheint, dass manche Gemütszustände gesellschaftlich akzeptabler sind als andere, was bestimmte Einstellungen und Verhaltensweisen bestimmt. Wie wir derzeit in den sozialen Netzwerken beobachten können, macht uns dieser Lebensstil zu Sklaven dieses sogenannten Glücks.

Aufgrund all dieser Erkenntnisse aus Geschichte und Wissenschaft könnte man sagen, dass Vergnügen etwas ist, das man anstreben sollte, um Erfolg zu haben. Gleichzeitig muss es jedoch kontrolliert werden, da es potenziell gefährlich erscheint.

Ich finde es interessant, wie sich die Vorstellung von Vergnügen im Laufe der Geschichte gewandelt hat und wie sie sich bis heute ständig weiterentwickelt. Man könnte sagen, dass Genuss kontextualisiert werden muss, da er stets in einem sozioökonomischen und historischen Kontext steht. Daher werde ich über Genuss sprechen und darüber reflektieren, ausgehend von meinem eigenen kulturellen Kontext, meinem Umfeld, meinen Erfahrungen sowie meinem Leben und meiner Vergangenheit.

Es fällt mir schwer, eine klare oder konkrete Definition von Lust zu finden, mit der ich mich wohlfühlen könnte. Doch die Auseinandersetzung mit diesem Thema und ein kurzer historischer Überblick über die Entwicklung des Begriffs haben mir neue Denkweisen und unterschiedliche Sichtweisen eröffnet. Mir ist bewusst, dass das Sprechen über Lust gleichbedeutend ist mit dem Sprechen darüber, wie wir auf sozialer Ebene im Verhältnis zu unseren Freiheiten agieren, mit unseren Bedürfnissen umgehen, uns mit unserem Wesen und unserem Körper verbinden … Und der historische Kontext erinnert mich zudem an die unzähligen Themen, die der Begriff “Lust” umfasst.

b) Gesundheit und Vergnügen: Rollen und Kräfte im kapitalistischen Rahmen

Unser vorherrschendes Gesellschaftssystem versucht, Schmerz und Konflikte zu verbergen […] Die demokratische Welt ist süchtig nach Frieden und Harmonie; die meisten Menschen nutzen ihren Rang19 und Privilegien, um Konflikte zu vermeiden. Die Medien konzentrieren sich auf Einzelpersonen mit Interessenkonflikten, doch das System verhindert, dass sich große Gruppen von Menschen zusammenschließen, um an ihren gemeinsamen Anliegen zu arbeiten.

Mindell, 1995: 193

Wie Mindell sagt, vermeiden wir als Gesellschaft jegliche Störungen, seien es Konflikte in Beziehungen oder alles, was den Körper belasten und uns vom Wohlbefinden abbringen kann.

Wenn wir diese Aufforderung, Schmerzen zu verdrängen und alles zu meiden, was nicht zum Wohlbefinden beiträgt – ein Ziel einiger Philosophen wie der Epikureer –, genauer betrachten, lassen sich deutliche Spuren im Umgang mit und in der Vermeidung von Schmerzen und Krankheiten erkennen. Sind Symptome Alarmsignale, die der Körper aussendet, so besteht das vorherrschende gesellschaftliche Muster darin, diese Symptome zu verschleiern, damit die Störung verschwindet. Es besteht kein Interesse an der Botschaft, die diese Symptome dem Körper vermitteln könnten; das vorrangige Ziel ist es, allem zu entkommen, was auf körperlicher oder geistiger Ebene Unbehagen oder Unruhe hervorruft. Diese Förderung der Leidfreiheit führt dazu, dass wir uns übermedikamentieren, um die Symptome zu überdecken, und dies wird noch verstärkt durch das Bedürfnis, alles zu pathologisieren, was über das streng Normative hinausgeht, mit einer Fixierung auf die Dualität von Gesundheit und Krankheit.

In seinem Buch “Gesundheit in der Krankheit – Krankheit in der Gesundheit” (2014) bietet Pierre Morin ein Gegenmittel zu dieser hypermedikalisierten und pathologisierten Gesellschaft. Es eröffnet uns einen neuen Blick auf das klassische Konzept von Gesundheit: eine umfassendere, weniger voreingenommene und weniger bedrückende Sichtweise auf unsere Erfahrungen. Morin erklärt, wie unsere Sichtweise auf Gesundheit unser allgemeines Wohlbefinden beeinträchtigt hat, indem sie Erfahrung und Krankheit aus dem Kontext des Beziehungslebens jedes Einzelnen herausgelöst hat; indem sie diejenigen an den Rand drängt und entmachtet, die anders sind oder nicht geheilt werden können; und vor allem, indem sie uns von der Bedeutung der Symptome und der enormen Weisheit trennt, die diese für den Entwicklungsprozess des Menschen mit sich bringen.

Die körperlichen Symptome sind nicht unbedingt pathologisch, das heißt, sie sind nicht einfach eine Krankheit, die unterdrückt, geheilt oder von der man sich erholen muss. Symptome sind potenziell bedeutsame und aussagekräftige Zustände.

Mindell, 2006: 11

Morin unterscheidet zwei Sichtweisen auf die Gesundheit: die uns bereits bekannte, die er als “kleine Gesundheit” bezeichnet und die sich auf die Ungleichgewichte mechanischer Aspekte (Blutdruck, Cholesterin, Blutzuckerwerte …) konzentriert, wobei der Körper wie eine Maschine verstanden wird, die manchmal ausfällt; und die “große Gesundheit”, ein vom Philosophen Nietzsche eingeführter Begriff, der eine neue Sichtweise bietet, in der die “kleine Gesundheit” zwar enthalten ist, der jedoch eine weitere Dimension von Sinn und Zweck hinzugefügt wird. Er erklärt uns, wie der Körper träumt und wie er, wenn wir auf seine Signale hören und ihnen folgen, tiefe Wahrheiten darüber offenbart, was es bedeutet, Mensch zu sein und was es bedeutet, sich wohlzufühlen. (https:// www.youtube.com/watch?v=2FD5_qFRcpY)

Unsere in der Mainstream-Kultur vorherrschende Sichtweise auf Gesundheit schließt viele Menschen aus, indem sie ihnen unterstellt, sie seien nicht gesund. Wenn wir bestimmte Aspekte der Gesundheit an den Rand drängen, setzen wir Menschen der Gefahr aus, herabgewürdigt zu werden, führen zu weniger Wohlbefinden und mehr Stress und versäumen es vor allem, als Gemeinschaft großes Potenzial, Stärke und Kraft zu entfalten, indem wir uns der Norm anpassen.

In der Prozessarbeit ist von “Regenbogenmedizin” die Rede. Dabei handelt es sich um ein Paradigma, das Etiketten Beachtung schenkt, da diese uns Aufschluss darüber geben, was tatsächlich vor sich geht. Aber der subjektiven Erfahrung des Menschen und seinen Symptomen wird ebenso viel Bedeutung beigemessen, da man davon ausgeht, dass es eine Energie gibt, die sich durch den Körper ausdrücken will. Indem man die Erfahrung anerkennt und ihr Raum zum Ausdruck gibt, können die Symptome gelindert werden – oder auch nicht –, aber in jedem Fall wird sie zu einem Kanal20 der Information und Bewusstwerdung. Aus dieser Perspektive bringen die Symptome eine Energie zum Vorschein, die nicht verschwindet, egal wie stark wir sie medikamentös behandeln. Diese Energie hat uns eine wichtige Botschaft zu übermitteln. Wenn sie sich nicht über den Körper manifestieren kann, wird sie nach anderen Kanälen suchen. Es handelt sich um eine teleologische Sichtweise, bei der es uns um das “Wozu” geht: um die Botschaft, die in dem verborgen ist, was uns widerfährt.

Die Regenbogenmedizin umfasst sowohl die reale Zeit und den realen Raum der physischen Realität als auch die Traumebenen der psychologischen Realität des Körpers. Sie umfasst Komponenten der klassischen Medizin wie Anatomie, Diagnostik, Medikation, Chirurgie, Biophysik usw. sowie alternative medizinische Verfahren, die subjektive Erfahrungen, Traummuster und alle Ebenen der
Bewusstsein21

Morin und Reiss, 2010: 24

Im Processwork benötigen wir keine objektiven Tests, um Erfahrungen zu validieren; stattdessen interessiert uns die Subjektivität der Erfahrung. Und wir verstehen, dass der Körper kein mechanisches Gebilde ist, sondern ein Instrument, das von selbst seine Schwingungen verändert und nur im Rahmen eines Prozesses verstanden werden kann.

​b.1) Depressionen und Stress: Feinde der Lebensfreude

Es ist wichtig zu erwähnen, dass Vergnügen einen messbaren Einfluss auf die menschliche Gesundheit hat, da es eine der Möglichkeiten darstellt, Stress und Depressionen zu bekämpfen – zwei der Übel der kapitalistischen Gesellschaft.

Um über Lust zu sprechen, halte ich es für wichtig, über Depressionen und Gesundheit in der heutigen Gesellschaft, in der wir leben, zu sprechen. Wenn wir uns die etymologische Herkunft des Begriffs „Depression“ ansehen, stellen wir fest, dass er vom lateinischen Begriff Depression was Unterdrückung, Schrumpfung oder Niedergeschlagenheit bedeutet. (https://es.wikipedia.org/wiki/Depresión)

Jede Epoche ist entsprechend ihrem gesellschaftspolitischen Kontext von bestimmten Krankheiten geprägt. Der Philosoph Byung-Chul Han schreibt in seinem Buch über die Gesellschaft der Müdigkeit (2012), dass sich Gesundheitsdiskurse in der Vergangenheit zwar um virale und bakterielle Probleme drehten, im 21. Jahrhundert jedoch die psychische Gesundheit mit Erkrankungen wie Depressionen, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, Borderline-Persönlichkeitsstörung oder berufliches Burnout-Syndrom. Gab es früher noch eine Trennung zwischen Innen und Außen, wobei die Bakterien den Feind darstellten, so lebt der Feind heute in uns. Wir werden von uns selbst angegriffen – durch unsere unrealistischen Ansprüche an uns selbst, die manchmal sogar dazu führen, dass wir uns aus einem falschen Gefühl der Freiheit heraus selbst ausbeuten. Und er spricht von einem false Gefühl, weil wir glauben, dass wir frei sind, da die Anforderungen oder der Zwang von außen kommen, aber das ist eigentlich nicht der Fall. Und laut Byung-Chul Han sind diese Krankheiten auf die Handlungsfreiheit und den Reizüberfluss zurückzuführen. Er spricht von der Gewalt oder dem Übermaß an Positivität, verstanden als Übermaß an Kommunikation, Überproduktion, Arbeit, Freizeit oder sexueller Überleistung … ein Übermaß, das dazu führt, dass der Einzelne angesichts all dieser Überfülle zusammenbricht. Früher kam Gewalt aus fernen oder fremden Orten, heute geht sie von den vielfältigen Möglichkeiten und Aktivitäten aus, die uns das System bietet, und führt zu Erstickung, Überlastung und Erschöpfung.

Depression ist die Krankheit einer Gesellschaft, die unter einem Übermaß an Positivität leidet. Sie spiegelt jene Art von Menschheit wider, die den Krieg gegen sich selbst führt.

Han, 2012

Han spricht über Depressionen als eine typische Krankheit der heutigen Gesellschaft und darüber, wie sie durch Leistungsangst verursacht werden (ein Prozess, von dem ich mich beim Schreiben dieses Artikels – und manchmal auch ganz allgemein in meinem Leben – bis zu einem gewissen Grad betroffen fühle). Es gibt mittlerweile ein Glaubenssystem, das besagt, dass sich mit genügend Anstrengung alles erreichen lässt, was die Anforderungen an das eigene Ich weiter verschärft. Dieses System bringt gleichzeitig Opfer und Henker hervor: Wir versklaven uns selbst im Streben nach Erfüllung oder nach (Ressourcen für den) Konsum und lassen dabei Reflexion und Langeweile außer Acht.

Die Klage des depressiven Menschen: „Nichts ist möglich“, kann sich nur in einer Gesellschaft manifestieren, die daran glaubt, dass „nichts unmöglich ist“

Han, 2012: 31

Han sagt: “Die Depression bricht in dem Moment aus, in dem das Subjekt der Leistung nicht mehr in der Lage ist, noch mehr zu leisten” (2012: 31). Dies legt nahe, dass Depression als sekundärer Prozess auftreten könnte, der sich als Fluchtweg aus einer unhaltbaren Situation darstellt. Eine Situation, in der wir nicht in der Lage sind, den Anforderungen an uns selbst und denen des Systems Grenzen zu setzen – sei es im Namen der Selbstverwirklichung oder als Folge des kapitalistischen Systems und der Konsumgesellschaft. Depressive Zustände treten häufig als Folge einer langfristigen Unterdrückung auf, und man könnte sagen, dass sie als Verbündete mit einer Botschaft entstehen, die uns in unserem Prozess der Ganzwerdung helfen soll.

Heutzutage ist Depression ein weit verbreitetes Phänomen, das jeden treffen kann. Sie kann in Übergangsphasen Ihres Lebens auftreten, wenn Sie aufgrund bestimmter Ereignisse strukturelle oder emotionale Veränderungen durchleben. Und als Gesellschaft neigen wir dazu, das Thema zu verdrängen, zu marginalisieren und nicht damit auseinanderzukommen, weil es uns beunruhigt. In Europa unterliegt die Psychiatrie und damit auch die psychische Gesundheit derzeit einem Diagnosehandbuch, dem DSM-5, das Störungen und psychische Erkrankungen klassifiziert. Die überwiegende Mehrheit der Menschen könnte irgendwann in ihrem Leben mit vielen der diagnostischen Kategorien des DSM diagnostiziert werden. Wir leben in einer Gesellschaft, die etikettiert und pathologisiert; sie definiert, wie wir uns fühlen sollten, und ordnet uns zwischen den Polen gut–schlecht, normal–pathologisch und damit auch zwischen Freude–Unfreude ein.

Diese kategorische Sichtweise der allopathischen Medizin lässt uns irgendwie erkennen, dass es im Bereich der psychischen Gesundheit ein Problem gibt. Wenn wir eine Diagnose oder eine Einstufung erhalten, kann dies Ängste auslösen, während es in manchen Fällen auch eine Erleichterung sein kann. Das Problem ist, dass die daraus resultierende “Lösung” oft chemischer Natur ist und somit nur eine Teillösung für ein umfassenderes Problem darstellt. Ein wichtiger Beitrag des Prozessarbeiten besteht darin, in diesen verschiedenen Dimensionen arbeiten zu können.

Das Processwork lehrt uns, dass Depressionen innerlich ausgegrenzte Zustände sind, die Teil des Mythos unseres Lebens sind. Sie sind Teil von uns, und wenn wir sie nicht annehmen, werden sie zu einer Frage von Leben und Tod. Sie sind wie ein wiederkehrender Traum.

Aus klinischer Sicht gibt es verschiedene Schweregrade und Formen der Depression: Diese Einteilungen können uns helfen, den jeweiligen Fall bis zu einem gewissen Grad zu verstehen; interessant ist es jedoch, die Symptome und die subjektive Erfahrung der Depression, die jeder von uns durchlebt, näher zu beleuchten.

Processwork betrachtet diese Zustände auf eine ausgewogene Weise und erkennt an, dass sie existieren und dass wir uns mit ihnen auseinandersetzen müssen, sowie dass es sich dabei um Prozesse handelt, die sowohl individuell als auch auf globaler Ebene entfaltet werden müssen.

Und diese Überforderung hinsichtlich dessen, wie wir sein sollten – diese übermäßigen Ansprüche, die wir an uns selbst stellen – führt nicht nur zu Depressionen, sondern auch zu Stress und verursacht einen Zustand geistiger Erschöpfung, der häufig verschiedene körperliche und psychische Erkrankungen nach sich zieht.

Wir leben in einem Paradoxon und in einem ständigen moralischen Widerspruch in Bezug auf das Vergnügen, wobei das kapitalistische System darauf abzielt, die Menschen dazu zu bringen, Vergnügen und Glück durch Konsum zu suchen. Dieser Konsum erzeugt einen Überfluss sowohl an materiellen als auch an symbolischen Bedürfnissen. Gleichzeitig haben wir in einem prekären Arbeits- und Wirtschaftssystem für einen Großteil der Bevölkerung kaum Zeit für Vergnügen und den Genuss dieser Bedürfnisse. Wie wir im antiken Griechenland gesehen haben, wirken sich hier Fragen der Sozialer Rang22 im Zusammenhang mit dem Umgang mit Vergnügen und insbesondere mit Freizeit. Irgendwie fühle ich mich privilegiert, dass ich meine Zeit der Erforschung dieses Themas widmen kann, da meine Grundbedürfnisse gedeckt sind.

Ich glaube, wir alle müssen mehr über das Vergnügen lernen. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass das Vergnügen im Alltag für einen großen Teil der Gesellschaft derzeit “fehlt”, “verschwunden” ist oder “schlecht gehandhabt” wird. Ein Beispiel dafür ist die große Zahl von Menschen mit Suchterkrankungen, bei denen sowohl Substanzen als auch bestimmte Verhaltensweisen als einziger Weg genutzt werden, um Freude zu finden und Zugang zu Teilen unserer selbst zu erhalten, die uns unbekannt sind oder zu denen wir ohne Sucht noch keinen Zugang gelernt haben.

Auch wenn „Vergnügen“ ein Begriff ist, der vielen Menschen in den Mund zu kommen scheint, stellt er bis heute eine große kulturelle Herausforderung dar.

c) Freude und Verbundenheit mit der Natur sind ebenfalls unser inneres Dual
Natur

Lassen Sie mich nun über einen Autor sprechen, der mich in meinen Überlegungen zu Genuss, Gesundheit und dem Umgang mit unserem Leben und unseren Ressourcen inspiriert hat. Diesmal stammt der Autor aus einer östlichen Kultur: Satish Kumar. Er vermittelt eine Vision, deren Schwerpunkt auf der Bedeutung der Verbindung zu uns selbst, zu unserem Wesen und zur Natur liegt. In seinem Buch “Elegant simplicity: the art of living well” (2018) spricht er über Erfüllung, Zufriedenheit und sogar Genuss – alles im Zusammenhang mit der Natur. Er erläutert, wie nomadische Gesellschaften, als sie begannen, sich niederzulassen, die Verbindung zur Natur verloren. Dies verschärfte sich mit dem Einzug der industriellen Revolution, als ein großer Teil der Bevölkerung keine Zeit mehr für sich selbst hatte und kein Raum mehr für spirituelle Entwicklung blieb. Wir begannen, die Natur, die Erde und ihre Ressourcen auszubeuten. Unsere Verbindung und unser Gleichgewicht mit der natürlichen Welt gingen verloren, und Quantität begann, Vorrang vor Qualität zu haben.

Die Welt hat genug, um die Bedürfnisse aller zu befriedigen, aber nicht genug, um die Gier aller zu stillen.23

Mahatma Gandhi

Für mich ist klar: Wenn wir die Natur zerstören, zerstören wir uns selbst, denn wir sind die Natur. Satish erinnert uns daran, dass das Wort „Mensch“ vom lateinischen „humus“ stammt, was so viel bedeutet wie „Wesen der Erde“. Alles, was wir essen, wird umgewandelt und kehrt in die Erde zurück. Alles ist von der Natur inspiriert, und dennoch haben wir uns von der Natur, von den Kreisläufen und vom Rhythmus der Prozesse abgekoppelt. Und zu hohe Ansprüche an uns selbst, zu viel Erfolgsdruck, das rasante Tempo der technologischen Entwicklung und unser Streben nach Perfektion entfremden uns von dem, wer wir wirklich sind, wie wir uns fühlen, was wir erleben – und damit auch von der Freude.

Die Zeiten des Prozesses sind nicht die Zeiten der kapitalistischen Welt

Brigitte Vasallo24

Betrachtet man die beiden großen Strömungen des traditionellen chinesischen Denkens, den Konfuzianismus und den Taoismus, so basieren beide auf dem Vertrauen in die Natur und die menschliche Natur.

Für die orientalische Welt ist die Natur das, was aus dem Inneren hervorgeht; sie ist ein Prozess, der sich unserer Kontrolle völlig entzieht. Die Natur ist per Definition das, was spontan abläuft, wie das Atmen oder der Herzschlag. Und die taoistische Philosophie betont, wie wichtig es ist, sich auf das zu verlassen, was von selbst geschieht.

Watts, 2010: 27

Diese Strömungen sagen uns, wir sollen dem Lauf der Dinge folgen und darauf vertrauen, dass sich alles von selbst regelt. Doch wir wollen die Natur kontrollieren, sie beherrschen – sowohl innerlich (wie wir fühlen und leben) als auch äußerlich –, und sie ausbeuten, um bessere Leistungen zu erzielen, vergessen dabei jedoch, auf sie zu hören und uns mit ihrem Wesen zu verbinden.

Der Taoismus, eine alte Philosophie, die vor mehr als 3000 Jahren in China entstand und aus der das Processwork seine Inspiration bezieht. Beide entwickeln die Idee, die Natur wahrzunehmen und sich mit ihr zu verbinden, ihre Gesetze durch Yin und Yang zu erkennen und zu benennen sowie das Leben und seine durch dieses Symbol dargestellten Polaritäten zu erforschen.

Im Taoismus gibt es zwei Aspekte, die ich im Zusammenhang mit dem Genuss für relevant halte: die Eigenschaft der Fließendheit und die duale Sichtweise.

Der Taoismus basiert auf dem Konzept des Tao: “der Weg”. Dabei geht es darum, dem Lauf der Dinge zu folgen, sich mit dem Strom zu bewegen und nicht gegen ihn anzukämpfen, sowie um die Eigenschaft des “Wu Wei”.

<> Das erste taoistische Prinzip besteht darin, sich den Gesetzen und Rhythmen des Universums nicht zu widersetzen. Durch ein müheloses Handeln wird das Wu Wei erreicht. Dieser Begriff bedeutet wörtlich “Nicht-Handeln” […] oder kann auch mit „ohne Anstrengung“ übersetzt werden.”

Muñoz, 2001, S. 17

Diese Eigenschaft erinnert mich an die Fähigkeit, auf Signale zu hören, innezuhalten und zu beobachten, in welche Richtung der Weg des geringsten Widerstands führt. Darauf zu achten, wohin der natürliche Verlauf des Prozesses führt, und dem Fluss zu folgen – anstatt mich anzustrengen und die Dinge in eine bestimmte Richtung zu drängen oder auf bestimmte Erwartungen zu reagieren. Auf meiner Suche nach Genuss gerate ich häufig in diesen Kampf: Es fällt mir schwer, mich auf den Moment einzulassen oder einfach nur still zu sein.

Das Yin-Yang-Symbol steht für zwei Polaritäten und dafür, wie diese ineinander übergehen. Der weiße Teil beginnt klein und wird größer, und genau dort entsteht der schwarze Teil; das ist der Fluss des Tao. Die eine ist kreativer (Yang) und steht in der prozessorientierten Psychologie im Zusammenhang mit sekundären Aspekten, während die andere empfänglicher ist (Yin) und mit dem Primärprozess in Verbindung steht. Yin-Yang zeigt auch, dass, wenn eine Kraft voll zum Ausdruck kommt, die andere auf natürliche und spontane Weise zum Vorschein tritt. Beide Teile sind für das Ganze notwendig.

Das Tao lässt sich auch dadurch verstehen, dass man akzeptiert, dass es in der Realität der Phänomene stets komplementäre Pole gibt […] In der Welt, in der wir leben, herrscht meist ein Idealismus vor, der danach strebt, das eine Element (das Gute, das Schöne, …) zu erlangen und frei vom komplementären Element (das Hässliche, das Schlechte, …) zu sein.

Muñoz, 2001: 19

Für Taoisten ist dies undenkbar, da das eine Element ohne das andere nicht existieren kann,

Das Konzept der Polarität beruht auf dem Grundsatz, dass Positiv und Negativ, Nord und Süd verschiedene Aspekte eines einzigen Systems sind und das Fehlen eines dieser Aspekte das Verschwinden des gesamten Systems bedeuten würde.

Muñoz, 2001:19

Ohne Ruhe gibt es keine Bewegung, es gibt keinen Tag ohne Nacht, keine Dunkelheit ohne Licht. Sie alle sind in ihrem Maße notwendig. Das erinnert mich daran, dass das Lernen, in Freude zu leben, nicht bedeutet, dass Schmerz, Unbehagen und Traurigkeit vermeidbar sind. Stattdessen sollte man sich bewusst sein, dass all das Teil des Ganzen ist. Auf diese Weise verstehe ich meine Verbindung zur Freude besser. Es geht nicht darum, sich für eine Seite der Geschichte zu entscheiden, sondern jede Erfahrung für sich zu erleben und zu erkennen, dass sie alle Teil eines größeren Ganzen sind. Wenn wir etwas definieren oder auch nur darüber nachdenken, neigen wir dazu, es mit anderen Dingen zu vergleichen, und mit dem Vergleich geht eine Unterteilung einher. Auf diese Weise können wir das Gesamtbild nicht erkennen. Und das bringt mich zu dem ganzheitlichen Konzept, der Vorstellung, dass natürliche Systeme und ihre Eigenschaften als Ganzes betrachtet werden sollten und nicht als lose Ansammlung von Teilen.

Als ich begann, mich mit dem Konzept des Vergnügens auseinanderzusetzen, verstand ich es als etwas, das mit Freude, Entzücken, Glückseligkeit und Entfaltung zu tun hatte. Als etwas, das völlig losgelöst war von allem, was diese Eigenschaften stören könnte. Auf der Suche nach Vergnügen wollte ich mich von allem befreien, was ich als dessen Gegenteil betrachtete. Ich habe das Vergnügen auf einen Altar gestellt, als wäre es ein Gott, etwas, das es zu erreichen und zu bewahren gilt. Doch nun wird mir klar, dass es ebenso absurd ist, sich an etwas wie Vergnügen oder Schmerz festzuklammern: Die Welt ist prozeduraler Natur; nichts ist statisch, abgesehen von den Zuständen und flüchtigen Bildern, die den Prozess an sich erst bewirken.

Frei von Begierde erkennst du das Geheimnis. Gefangen in der Begierde siehst du nur die Erscheinungsformen

Tao Te Ching, Kapitel 1, Übersetzung von Stephen Mitchell

Vielleicht lässt sich das Streben nach Vergnügen nicht verwirklichen, wenn ich in diesem Streben selbst gefangen bin. Vielleicht geht es gar nicht darum, nach etwas zu suchen, sondern vielmehr darum, in sich selbst zentriert zu sein.

4. Meine Sicht auf das Vergnügen aus der Perspektive des Processwork

Wenn ich versuche, das Vergnügen aus der Perspektive der Prozessarbeit zu betrachten, verstehe ich es als “einen Raum, in dem man projizieren und träumen kann”. Aus dieser Perspektive betrachtet, Wir nehmen das Vergnügen wahr, wissen aber nicht, was es ist; wir können es als einen traumartigen Vorgang betrachten. Wir haben keine konkrete Bedeutung für das Wort, da es eine subjektive Erfahrung für jeden Einzelnen. Wir verfolgen keinen normativen Ansatz in Bezug darauf, was gesund oder ungesund, richtig oder falsch, gut oder schlecht ist. Ausgehend von diesem Paradigma “folgen wir der Erfahrung, anstatt uns an irgendwelchen kulturell bedingten Maßstäben zu orientieren” (Mindell, 2006, S. 6). Daher gibt es keine vorgefasste Vorstellung davon, wie unsere Erfahrungen mit Lust aussehen sollten; alles, was wir tun können, ist, jede einzelne davon zu entfalten. Wir sind daran interessiert, eine subjektive Sinneserfahrung zu entfalten, anstatt sie zu pathologisieren, das einen Rahmen für Experimente und nicht für Urteile bietet, was die Entfaltung und den Fluss des Prozesses fördert.

Diese grundlegende, nicht-pathologische Sichtweise, die die Selbstfindung in den Vordergrund stellt und davon ausgeht, dass Lösungen bereits in den Problemen selbst liegen, ist die Inspiration für diese Arbeit. Aus Scheiße Dünger machen – wobei alles, was uns stört und was wir loswerden wollen, nützlich und notwendig sein kann, anstatt deprimierend und pathologisch. Deshalb beginnt ein Teil meines Ansatzes zur Lust damit, an chronischen Symptomen, Störungen oder bedeutenden Ereignissen in meinem Leben zu arbeiten, auf der Suche nach Antworten oder Lernerfahrungen in all dem.

Aus der Perspektive des Processwork gehen wir davon aus, dass wir Informationen und Signale über vier grundlegende Kanäle kommunizieren und verstehen: den propriozeptiven, den visuellen, den kinästhetischen und den auditiven Kanal. Hinzu kommen zwei komplexe Kanäle: der Beziehungskanal und der Weltkanal. Manche Kanäle sind für manche Menschen wichtiger als für andere. Lust ist eine subjektive Erfahrung: Sie wird von jedem Menschen tendenziell über unterschiedliche Kanäle erlebt. In meinem Fall sind die Kanäle, über die ich leichter Zugang zu Lust finde, der propriozeptive und kinästhetisch Kanäle (durch Bewegung).

Über Lust zu sprechen, kann eine “angenehme” Erfahrung sein, doch es kann auch schwierig sein, darüber zu sprechen, da dies Schamgefühle hervorrufen und in vielen Kontexten oder für viele Menschen sogar zu einem Tabuthema werden kann. Lust kann zudem mit schmerzhaften Erfahrungen und sogar mit Missbrauchserfahrungen verbunden sein. In meinem Fall war es aufgrund meiner Weltanschauung kein einfacher Prozess, meine Auseinandersetzung mit dem Thema Lust öffentlich zu machen. Als ich meine Überlegungen zum Thema Lust weiterhin teilte und dabei eine demokratischere Herangehensweise fand, fiel es mir trotz der kulturellen Tabuisierung dieses Themas leichter, meine Ansichten zu äußern.

Um gegenüber einem Klienten, einer Beziehung, einer Gruppe, einer Situation, einer Erfahrung oder – in diesem Fall – mir selbst zutiefst demokratisch zu sein, muss man ein Bewusstsein für die vielfältigen Dimensionen der Erfahrung entwickeln. Dies war einer der Schlüssel meiner Entwicklung im Erleben und Verstehen von Freude, indem ich mein Bewusstsein durch verschiedene Formen der Aufmerksamkeit erweitert habe: erste Aufmerksamkeit (ein Konsens über die Realität), zweite Aufmerksamkeit (das Land der Träume) und dritte Aufmerksamkeit (Essenz). Dies ist eine Idee des Schamanismus, die Castaneda in seinen Büchern schildert und die auch Mindell aufgreift – ein Verständnis davon, dass das Leben in allen drei Dimensionen gleichzeitig stattfindet. Und Wenn das Leben in diesen drei Dimensionen oder in Parallelwelten gleichzeitig stattfindet, gilt dies auch für das Vergnügen.

Meine Sichtweise auf das Vergnügen hat sich weiterentwickelt im Laufe dieser Reise, und es war genau im Zusammenhang mit der Einbeziehung dieser mehrdimensionalen Perspektive. Als ich anfing, mich mit diesem Thema zu beschäftigen, war meine Sichtweise auf das Vergnügen zunächst sehr begrenzt und voreingenommen; ich betrachtete es vor allem im Zusammenhang mit einvernehmlichen Handlungen, ohne es wirklich mit anderen Dimensionen in Verbindung zu bringen.

Wenn ich die Sache aus verschiedenen Blickwinkeln betrachte, passt die Definition von Vergnügen, die ich bisher akzeptiert habe, in den gesellschaftlichen Konsens über die Realität. Es wären jene messbaren, beobachtbaren, sichtbaren Erfahrungen im Zusammenhang mit der Befriedigung von Bedürfnissen durch Essen, Sex, Schönheit, Beziehungen …, der Genuss all dieser Handlungen, die mit den Sinnen zu tun haben.

Doch aus der Traumwelt heraus ergibt sich eine subjektivere Ebene der Realität. Meine Erfahrung ist anders, und sie ist für jeden von uns anders. Die Herausforderung besteht darin, meine Erfahrung als gültig, wahr und authentisch anzunehmen, auch wenn sie von anderen nicht geteilt wird. In dieser Dimension zeigen sich die Gegensätze des Vergnügens – das können Unbehagen, Ekel, Leiden sein … oder wie auch immer jeder von uns sie wahrnimmt. Auch Rollen oder Traumfiguren, die der Kultur, der Erziehung, der Biografie, der Geschichte, der Familie und der Religion entstammen, treten hier in Erscheinung; sie haben ihre eigene Vorstellung davon, was Genuss ist und was angemessen oder akzeptabel ist – oder eben nicht. Es handelt sich um Figuren, die das Feld beeinflussen, wie unsichtbare Kräfte, die unserer Erfahrung einen Sinn geben, wobei die einen oder anderen unserem Bewusstsein mehr oder weniger nahe sind.

Schließlich finden wir die essentielle oder vor dem Entstehen liegende Realität, und hier hört die Polarisierung des Vergnügens auf, der Kampf, über die Einzelteile hinauszugehen, hört auf zu existieren, und es gibt eine Bewegung hin zum Zusammenkommen des Ganzen. Es ist etwas, das über Worte hinausgeht. Ein flüchtiges Gefühl oder eine Erfahrung der Verbundenheit mit etwas Größerem. Und von hier aus, aus dieser Ganzheit heraus, kann ich das Vergnügen willkommen heißen oder mich ihm nähern, indem ich mich von Glaubenssystemen, kritischen Stimmen und Identitäten löse, um einfach nur den gegenwärtigen Moment zu spüren.

Der Übergang von der allgemein anerkannten Realität in andere Dimensionen hat mir ein Gefühl der Erleichterung und der Freiheit vermittelt, und hat mir ermöglicht, einen neuen Blick darauf zu werfen, was Freude bedeutet: einen wohlwollenderen Blick, der mir selbst näher steht und teilweise stärker mit meiner Wahrheit verbunden ist. All dies hat die kritischen Stimmen und Glaubenssätze gemildert, die mich dazu veranlasst hatten, diese Untersuchung anzustellen; diese hatten mir ständig wiederholt, dass <>. Und gerade dank dieses Wesens, dank Liebe und Mitgefühl, war es mir möglich, all den verschiedenen Anteilen und Erfahrungen Gehör zu schenken und dabei zu helfen, dass sie zusammenfinden.

Auf diese Weise verstehe ich das Vergnügen nun aus verschiedenen Dimensionen und aus einer transrationalen Perspektive, in der Hindernisse in der konsensuellen Realität oder im Reich der Träume liegen und mit unserer Rationalität, mit Fakten, Stimmen, Glaubenssystemen und sogar mit unseren körperlichen Empfindungen, Träumen und Visionen im Konflikt stehen. All diese Dimensionen sind notwendig; sich der verschiedenen Ebenen bewusst zu sein, bedeutet, dass wir zwischen ihnen hin und her wechseln können. Wichtig ist, nicht in einer der Dimensionen stecken zu bleiben, sondern sich fließend zwischen ihnen bewegen zu können.

Es war eine interessante und besondere Herausforderung, diesen Ansatz zu verfolgen, der über das Rationale und Bekannte hinausgeht – und das in einer (westlichen) Kultur, die dem Konsens einen hohen Stellenwert einräumt. Auf diese Weise bin ich mir selbst irgendwie näher gekommen, habe das Gefühl, zu Hause zu sein, und eine tiefere Verbindung zu mir selbst aufgebaut.

5. Mein Verhältnis zum Vergnügen

Ich hätte nie gedacht, dass mein Weg heute den Pfad des Genusses einschlagen würde – als einen Prozess, den es zu durchleben, zu erkunden oder zu entdecken gilt. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich so viele Stunden meines Lebens damit verbringen würde, mich damit auseinanderzusetzen und mir dessen bewusst zu werden, was mir so viele Jahre lang unbekannt geblieben war. All diese Dinge waren verborgen geblieben, aber irgendwie waren sie immer da gewesen, auch wenn sie unter Decken auf einem staubigen Dachboden lagen.

Ich erinnere mich, dass ich als junges Mädchen einmal gesagt habe, ich hätte nie geglaubt, dass ich ein erfülltes Leben führen könnte, in sogenanntem Glück, weil es ein so unbekannter Ort war, dass ich Angst hatte, mich dort in diesem Zustand nicht halten zu können. Ich erinnere mich an einen Satz, der in meinem Familiensystem immer wieder fiel: “Man muss in diesem Leben produktiv sein, um jemand zu sein.” Und ich erinnere mich an einige meiner eigenen Überzeugungen: “Ich habe kein Recht, Freude zu empfinden, ich bin nicht in dieses Leben gekommen, um Freude zu empfinden: Mein natürlicher Zustand ist das Leiden. Ich weiß nicht, wie ich Freude empfinden oder in Freude leben soll, also laufe ich davor weg.”

Jedes einzelne dieser Glaubensmuster oder jede einzelne dieser Stimmen bestärkte mich in dem Gedanken, dass Lust kein Teil meiner Realität, meiner Erfahrung sei. Hinzu kam, dass meine Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch Lust mit Gefahr und Schmerz verbanden.

In diesem Abschnitt meines Lebens öffne ich mich dem Genuss, suche nach neuen Mustern und versuche, diesen Prozess zu entfalten. Und ich nenne es gerade deshalb einen Prozess, weil es eine große Entdeckung war, ihn als solchen zu begreifen, und mir dies einen Perspektiv- oder Wahrnehmungswechsel ermöglicht hat. Mindell definiert den Begriff “Prozess” als „Veränderungen in der Wahrnehmung“ und als die Variation der Signale, die ein Beobachter wahrnimmt. Er erklärt, dass der Prozess wie ein besonderer Zug ist, dessen Ziel nicht immer vorhersehbar ist. Der Beobachter folgt den Signalen in seinem realen Leben oder in seinen Fantasien, bis sich das Leben vor ihm offenbart. (1995)

Wenn wir Identität unter strukturellen Gesichtspunkten betrachten, wird deutlich, dass es sich um ein komplexes Thema handelt. Ein Großteil unserer Identität ist uns nicht bewusst, einfach weil wir unser ganzes Leben lang damit gelebt haben. Aus der Perspektive der Prozessarbeit betrachten wir als Identität alle Erfahrungen, die wir durchlebt haben – jene, denen wir zustimmen, und sogar jene, denen wir nicht zustimmen; jene, die zu unserer Vorstellung davon passen, wer wir sind oder sein sollten, und jene, die dem nicht entsprechen. Manche Identitäten liegen näher an unserem Bewusstsein und sind leichter zu verstehen; wir nennen sie Primärprozesse oder “U-Energien”. In meinem Fall und in Bezug auf dieses Thema war mein bekanntes Terrain und mein Gefühl von Zuhause viele lange Jahre lang ein depressiver Zustand, den ich als Kontinuum eines Prozesses verstand. Die andere Seite dieser Identität hingegen – die entferntere oder unbekanntere Seite, die wir als sekundäre oder X-Energie bezeichnen – war das Gefühl der Erfüllung, des Genusses und der Verbundenheit mit dem Vergnügen. Das waren Aspekte, die ich eher an den Rand drängte, aus meiner Identität ausklammerte, da sie zur anderen Seite der Grenze gehörten – einem Ort, an dem sich die beiden Identitäten überschneiden. Oft hatte ich das Gefühl, nicht dazu geboren worden zu sein, “glücklich” zu sein, sondern hier zu sein, um zu leiden, zu kämpfen und zu überleben. In meiner Vorstellung stellte ich Depression und Lust als Gegensätze dar.

Die menschliche Natur wird als polarisiert, als dual wahrgenommen. Und in gewisser Weise ist diese Polarisierung natürlich und notwendig, damit die verschiedenen Teile im Zusammentreffen dazu beitragen, einander zu verstehen, mit dem Ziel, sich gegenseitig zu entwickeln und zu entdecken. Es ist jedoch wichtig, nicht aus den Augen zu verlieren, dass es zwischen den Polaritäten ein Kontinuum gibt und dass sich Erfahrungen innerhalb dieses Kontinuums verorten lassen. Den Prozess in primäre und sekundäre Teile zu unterteilen, bedeutet, ihn zu stark zu vereinfachen. Und ich sage das, weil ich zu Beginn der Überzeugung war, dass ich nicht wusste, wie man in der Lust lebt, dass ich nicht wusste, wie man sich darin aufhält; daher habe ich mich auf diese Reise begeben, um zu lernen, wie ich mich stärker mit der Lust verbinden kann. Aus einer pathologischen Perspektive fühlte ich mich defekt, weil ich nicht wusste, wie man Lust lebt oder empfindet. Ich war auf der Suche nach etwas, das im Mainstream offenbar alltäglich, normal und natürlich war, wo das Bild, das jeder vermitteln musste, eines von Glück, Freude und Fülle war … und wo ich mich mit keinem dieser Begriffe, die mit Vergnügen assoziiert wurden, identifizieren konnte. Ich sah es als ein Ziel, das es zu erreichen galt, als Meilenstein, als etwas Konkretes, das es zu erlangen galt. Dabei verlor ich den Blick für das Kontinuum, für den Prozess und für die Bedeutung der Vergänglichkeit von Dingen oder Zuständen.

Dieses Gefühl, in diesem Kontext nicht anerkannt zu werden, drängte mich irgendwie an den Rand. Ich fühlte mich sehr minderwertig, weil ich nicht wusste, wie ich mich mit dieser scheinbar einfachen und natürlichen Sache verbinden sollte. Der depressive Zustand, in dem ich mich oft befand, versetzte mich in die Rolle des Opfers, ohne die Mittel, die ich brauchte, um diesen Ort zu verlassen – gefangen und unfähig, mich mit meinem eigenen Wert und meiner inneren Kraft zu verbinden.

Die Vorstellung vom Kontinuum hat maßgeblich dazu beigetragen, statische Identitäten aufzubrechen, die mich lähmten. Diese mir eher vertrauten Identitäten loszulassen und mich auf unbekanntere einzulassen – Identitäten, die bis dahin kaum mit meiner Vorstellung davon übereinstimmten, wer ich war oder werden könnte.

Um diesen Prozess einzuleiten, war es wichtig, eine andere Sichtweise auf das Vergnügen und auf mich selbst zu entwickeln. Um eine neue Welt zu entdecken, waren manche Dinge manchmal nicht intuitiv; es gab Momente, in denen ich mich ins Unbekannte gewagt habe, auch wenn dies zeitweise Angst oder Misstrauen hervorgerufen hat.

Dem Fluss des Prozesses zu folgen bedeutet, sich auf das Absurde und Unmögliche einzulassen und sich gegen konventionelle Überzeugungen und Sichtweisen zu stellen. Mindell sagt metaphorisch, dass das Folgen des Prozesses “Pferdereiten rückwärts” sei. Es erfordert eine andere Sichtweise. “Dem unerwünschten, unbeabsichtigten Signal zu folgen, widerspricht den kollektiven Überzeugungen. Das sagt uns: Wenn man dem Unbekannten folgt, führt es einen an den Rand der Welt … Doch die Prozessarbeit zeigt uns die Rundheit unseres Universums. Sie zeigt uns: Wenn wir den Mut haben, unbeabsichtigten Signalen zu folgen, stürzen wir nicht in den Abgrund, sondern entdecken neue Welten.“.

Diamond&Spark, 2004: 20

Und so habe ich versucht, den Zeichen zu folgen und allem, was sich im Laufe des Prozesses ergab – ohne klare Wegbeschreibung, aber mit der Zuversicht, dass ich auf dem richtigen Weg war.

Ich finde es interessant, meine Beziehung zum Vergnügen aus der Perspektive von Mindells (2017) vier Konfliktphasen zu betrachten und auf diese Weise zu erkennen, wie sehr ich mich auf jede einzelne davon konzentriert habe.

Wenn wir Phase eins als Entspannung, als Nichtstun verstehen, ließe sich dies mit einer frühen Phase vergleichen, in der ich keinerlei Interesse daran hatte; ich hatte sogar das Gefühl, dass mir das völlig fremd war, dass es einfach nichts für mich war. Doch dann wurde mir mit der Zeit bewusst, dass in mir Wut aufkam, obwohl ich das gar nicht beabsichtigte. Unbeabsichtigte Gefühle wie Wut und Zorn darüber, keinen Zugang zum Vergnügen zu haben, kamen auf, und das war für mich der Beginn von Phase zwei. Hier begann ich, in Phase zwei einzutreten: eine Phase, die auf Konflikt und Spannung beruhte. Diese Phase hat einen großen Teil meines Lebens im Allgemeinen und speziell in Bezug auf Lust geprägt. Sie war für mich auch der Auslöser, diese Forschung zu beginnen, und trieb mich in Phase drei, in der ich mich für die Erfahrung des Träumens zu interessieren begann. Ich beobachtete Glaubenssätze, Kritikpunkte und die Grenzen, die meine Vorstellung von Lust umgaben. Zu meiner Überraschung fand ich eine sehr tiefe Verbindung zu Phase vier. In ihr verbinde ich mich mit tiefgreifenden, essenziellen Erfahrungen, lasse mich von etwas Größerem und Unbekanntem bewegen und schließlich entdeckte ich Lust und begann, sie mit einer neuen Bedeutung zu leben.

Die Betrachtung des Vergnügens in diesen verschiedenen Phasen hat mir geholfen, meine statische Vorstellung davon zu verändern, und hat zudem meine vorgefassten Meinungen über mich selbst in Bezug darauf widerlegt. Es ist schon merkwürdig, wie man jahrelang in Schmerz und Leid gefangen sein kann, wie man seine Identität darum herum aufbaut und das Gefühl hat, ohne sie nicht man selbst zu sein, wie man dies als unveränderlich und ewig wahrnimmt oder sogar glaubt, dass dies das eigene Schicksal sei. So verbrachte ich einen Teil meiner Kindheit, meiner Jugend und einen Teil meines Erwachsenenlebens in dem Glauben, dass ich keine Freude am Leben empfinden könnte. Ich hatte das Gefühl, als sei meine Geschichte vom Leiden geprägt und dies sei die einzige Art, wie ich lernen könne.

6. Der Mythos vom Leben

Wie ich oben bereits gesagt habe, verstehe ich Lust als einen offenen Zugang, als einen dynamischen Prozess, der überall und in jeder Dimension erlebt werden kann; sie lässt sich auf unterschiedliche Weise erfahren, und ich betrachte sie als eine Lebenskraft, die unser Selbst erweitert. Kann ich in diesem Sinne sagen, dass Lust ein Teil unseres mythischen Lebensweges ist? Spielt sie eine Rolle bei der Entdeckung unserer selbst? Hier beginnt die Frage…

Was hat Vergnügen mit meinem Lebensmythos zu tun?

In diesem Kapitel und einigen späteren Kapiteln taucht eine meiner Ängste auf, die ich zu Beginn dieses Projekts hatte: die Angst, mich zu sehr zu offenbaren, mich ungeschützt und verletzlich zu fühlen, wenn ich Erinnerungen an meine Kindheit teile. Dennoch möchte ich auch erwähnen, dass ein Teil dieses Prozesses darin besteht, die Fähigkeit zur Selbstfürsorge zu entwickeln. Ein Element des Prozesses wird es daher sein, Grenzen zu setzen, um mich selbst zu schützen, insbesondere beim Schreiben. Ich muss mich um den Teil kümmern, der Angst davor hat, sich zu sehr zu offenbaren, damit der Teil von mir, der seine Wahrheit preisgeben möchte, dies auch tun kann. Wir müssen respektvolle Grenzen zwischen dem einen und dem anderen ziehen, um den Tanz zu finden, der sie zusammenbringt.

Selbstfürsorge und Selbstschutz sind Aspekte, die in vielen Bereichen meines Lebens gefehlt haben oder vernachlässigt wurden. Ich stelle fest, dass dies in direktem Zusammenhang damit steht, dass ich wesentliche Teile meiner selbst vermeide und ablehne und daher nicht in der Lage bin, präsent zu sein und eine Verbindung zur Freude herzustellen. Deshalb trägt die Wahrung eines gewissen Maßes an Intimität dazu bei, das System zu schützen.

Castaneda sagt, dass Weisheit wie die Reise des Kriegers ist; es ist wichtig, sich mit dem Grund, warum man diesen Weg geht, zu verbinden, denn der Weg wird beschwerlich sein und man muss sich an sein Ziel erinnern. In diesem Kapitel gehe ich auf Ereignisse ein, die schmerzhafte Erinnerungen wachrufen, doch mein Ziel zu kennen und mich damit zu verbinden, hilft mir, diesen Weg zu gehen.

Wie Castaneda in “Die Lehren des Don Juan” sagt: “Der Mensch geht dem Wissen auf dieselbe Weise entgegen wie er in den Krieg zieht: voller Entschlossenheit, Angst […] und Mut” (S. XXX, 2001) Ich möchte betonen, wie wichtig es mir ist, diese drei Begriffe auf die gleiche Ebene zu stellen und Entschlossenheit und Mut nicht höher zu bewerten; dies steht im Gegensatz zu meiner früheren Denkweise, als ich die Angst vernachlässigte. Wenn ich auf dieser Reise etwas gelernt habe, dann ist es, dass Ängste dazu da sind, den Dingen einen Sinn zu geben. Das Ziel besteht nicht darin, sie zu überwinden, sondern auf die Botschaften zu hören, die sie uns übermitteln. Die Herausforderung besteht nicht mehr darin, Ängste zu überwinden, sondern auf ihre Botschaften zu hören. Es ist, als wären sie Symptome: Man muss ihnen zuhören und sie sich entfalten lassen, damit sie jede beliebige Form annehmen können, während man beginnt, sich in sie hineinzuversetzen.

In der prozessorientierten Psychologie sagen wir – ebenso wie in den schamanischen und taoistischen Traditionen –, dass wir von Kräften bewegt werden, die hinter unseren Handlungen und alltäglichen Entscheidungen stehen; Polaritäten, die Teil dessen sind, was wir Lebensmythen oder Grundmuster nennen. Es ist, als gäbe es immer einen Geist im Hintergrund Ihres Lebens, der Sie und Ihre Art, mit dem Leben umzugehen, einzigartig macht. Wir sprechen auch von Mythos im Rahmen des Jungschen Individualisierungsprozesses, in dem jeder Einzelne versucht, sich mit seiner Gesamtheit, seiner tiefsten Natur und seiner Ganzheit zu verbinden.

Die Prozessarbeit mit langfristigen Perspektiven wird vom Jungschen Konzept des “Lebensmythos” beeinflusst. Ursprünglich prägte Jung den Begriff „Lebensmythos“, um ein Muster der persönlichen Entwicklung im Laufe des Lebens zu beschreiben. (Diamond & Spark, 2004:148) Jung stellte fest, dass Kindheitsträume einen Archetyp oder ein mythisches Muster für das Leben offenbarten. Mindell erweiterte das Konzept, indem er vorschlug, dass diese Muster und Tendenzen auch in wiederkehrenden und chronischen Erfahrungen zu erkennen seien, wie beispielsweise chronischen Symptomen, Suchterkrankungen und Beziehungsmustern.

Deshalb habe ich mich bewusst und kreativ dazu entschlossen, an meinen chronischen Symptomen, Ereignissen, Synchronizitäten und meinem Kindheitstraum zu arbeiten. Anstatt mich von all dem mitreißen und überwältigen zu lassen, beobachte ich sie und höre aufmerksam auf ihre Botschaften. Ich nutze sie für eine langfristige Transformation – eine gesündere und bewusstere und damit auch eine, die von mehr Eigeninitiative und Verantwortung geprägt ist. Das bedeutet für mich, von der Rolle des Opfers in die des Schöpfers zu wechseln. Diese Veränderung ist ein entscheidender Faktor in meiner persönlichen Geschichte, um mich selbst zu heilen und eine Verbindung zur Freude herzustellen.

a) Eintauchen in den Kindheitstraum

Es gibt verschiedene Orte auf der Erde, an denen wir Teile unseres Mythos erleben und entdecken können. Orte, an denen wir ähnliche Polaritäten jener Energien finden können, mit denen wir normalerweise arbeiten und die wir auf unserem Weg zum Ausdruck bringen. Und durch den Kindheitstraum werde ich beginnen, diese Energien mit Neugier und Mitgefühl zu erforschen, damit ich mir all der verschiedenen Elemente bewusst werde, die in meinem Traum auftauchen. Kindheitsträume zeigen Erfahrungen aus der Gegenwart, aber auch strukturierte Muster – ein Potenzial verschiedener Energien innerhalb einer Person. Das ist es, was mich interessiert: zu entdecken, welche Muster und unerwarteten Kräfte mein Leben bewegen, und die Gabe zu enthüllen, die diese Muster meiner Arbeit und meiner Welt bringen, insbesondere im Zusammenhang mit Lust. Ich stelle die Hypothese auf, dass meine Träume viel über Lust aussagen und dass insbesondere die Nebenfiguren darauf hinweisen könnten, wie ich mehr Zugang zu dieser Lust erlangen kann.

Ich bin in meinem Haus, in meinem Zimmer, und zwei maskierte, schwarz gekleidete Diebe steigen die Treppe hinauf und gehen ins Schlafzimmer meiner Eltern. Beide haben Messer in den Händen. Jeder steht auf einer Seite des Bettes, und derjenige neben meiner Mutter schneidet ihr mit einem Messer den Bauch auf. Er schneidet sie auf, als ob er in ihr nach etwas suchen würde, als ob er nach einem versteckten Schatz suchen würde. Er schneidet durch ihren Oberkörper; er wirkt sehr professionell und zögert nicht: Er weiß, was er tut.

Der Dieb (kein Mörder) schneidet den Leichnam mit kalter Energie auf – emotionslos, distanziert, direkt und präzise. Er sucht nach etwas und ist voll und ganz darauf konzentriert. Da sein Gesicht verdeckt ist, sind weder Mimik noch Emotionen zu erkennen.

Meine Mutter scheint keine Schmerzen zu haben. Sie bewegt sich nicht, sondern liegt einfach nur im Bett, als ob sie schlafen würde, und ihre Organe liegen außerhalb ihres Körpers. Ihr Körper ist aufgeschnitten.

Während all das geschieht, bin ich in meinem Schlafzimmer, liege im Bett und bin voller Angst. Ich durchlebe viele Gefühle.

Mein Vater schläft neben meiner Mutter, während all das passiert.

Wenn ich den Traum analysiere, stelle ich fest, dass es drei Figuren bzw. Hauptenergien gibt: das Mädchen (ich), den Körper meiner Mutter und die Diebe. Ich werde erklären, was die verschiedenen Energien, die ich darin finde, für mich symbolisieren, und um das zu tun, muss ich in sie eintauchen, mich in sie hineinversetzen und sie verarbeiten. Sie spiegeln Aspekte meines Lebens, meiner Verhaltensmuster und meiner mythischen Energien wider.

❖ Das verängstigte Mädchen: Leiden, voller Angst und großer Emotionen. In sich gekehrt, winzig und schutzlos. Sie nimmt die Rolle der Beobachterin ein und bestimmt alles Das kommt vor. Ein Teil der Angst rührt daher, dass man nicht weiß, was passieren wird und ob sie verletzt wird.

Wenn ich meine Identität langfristig betrachte, sehe ich sie als eine zentrale Figur. Ich sehe das Mädchen, das ich einmal war – voller Ängste, voller Leid, mit dem Bedürfnis nach Kontrolle, verschlossen gegenüber der Schönheit des Lebens. Das erinnert mich an die traumatischen Geschichten, die immer noch in mir sind, blockiert und im Dunkeln verborgen.

Das ist ein Gefühl, mit dem ich mich früher identifiziert habe, heute aber nicht mehr so sehr. Es ist ein Gefühl, das mit Leid verbunden ist, und es ist einer der Gründe, warum ich dieses Projekt ins Leben gerufen habe. Das Mädchen ist Zeugin einer bestimmten Situation, und diese Rolle fehlte mir in einem großen Teil meines Lebens. In meiner Geschichte äußert sich dies in übermäßiger Überwachung und ständiger Kontrolle, vor allem nachts. Dies steht in direktem Zusammenhang mit einem Symptom, auf das ich später noch eingehen werde: Schlaflosigkeit.

In dem Traum möchte das kleine Mädchen beschützt werden, doch sowohl die mütterliche als auch die väterliche Figur sind abwesend und untätig. Sie werden angegriffen, was bedeutet, dass sie keinen Schutz bieten können. Daher muss das kleine Mädchen diesen Schutz selbst entwickeln.

❖ Meine Mutter: mit ihr offener und passiver Körper

Das Bild zeigt nun einen offenen Körper: Der Körper meiner Mutter ist offen und passiv, und wir sehen keinen Widerstand in ihm. Dies steht im Gegensatz zum letzten Bild: der Gestalt des Mädchens, das sich in sich selbst zurückzieht. Diese Polarität hat in meinem Leben eine wichtige Rolle gespielt, doch ich war mir dessen nicht vollständig bewusst. Vor allem der Aspekt des Sich-Öffnens: Infolgedessen habe ich mich in Situationen begeben, in denen ich das Gefühl hatte, mich öffnen zu müssen; ich habe vergessen, mich zu schützen, oder die Gefahr gar nicht erst erkannt. Dies hat mich in Situationen von Missbrauch und Gewalt geführt, zum Teil, weil ich die Anzeichen, meine Ängste und meine Intuition ignoriert habe.

Wie im Traum zu sehen ist, wird der Körper meiner Mutter aufgeschlitzt, völlig schutzlos gegenüber Angriffen und Eindringlingen, völlig hilflos. Das ist ein Muster, das mir vertraut ist und mich daran erinnert, wie wichtig es ist, offen und gleichzeitig geschützt zu sein und diese beiden Eigenschaften zu vereinen. Das Gefühl, mich dem Leben und verschiedenen Empfindungen zu öffnen, ist wunderschön, aber ich muss dies bewusst tun, Grenzen respektieren und auf mich selbst achten. Später in diesem Kapitel wird das Thema des Überschreitens meiner Grenzen noch ausführlicher behandelt. Hier möchte ich lediglich betonen, wie wichtig es ist, mir die Möglichkeit zu geben, mich je nach den Umständen zu öffnen oder zu verschließen. Das eine ist nicht besser als das andere: Entscheidend ist, dass ich mit meinem Körper und seinen Signalen in Verbindung bleibe.

Ein weiterer Aspekt, den ich hervorheben möchte, wenn ich mich mit der Gestalt des Körpers meiner Mutter befasse, ist das, was ich als “passiv oder nicht aktiv” bezeichne – so, als wäre der Körper verlassen. Wenn ich zu diesem passiven Körper werde, entsteht etwas: die Bereitschaft, loszulassen, mich hinzugeben, nichts zu tun. Und ich fühle mich offen für alles, was geschehen mag; das versetzt mich in einen angenehmen Zustand der Entspannung, der Losgelöstheit. Ich lasse die allgemein akzeptierte Realität los und gebe meine alte Identität auf, um in eine bewusstere Realität oder Essenz einzutreten. Ich stelle fest, dass dies ein Muster sein könnte, das ich stärker in mein Leben integrieren muss, damit ich mich mit diesen anderen Dimensionen verbinden kann.

Diese Gestalt im Traum verdeutlicht, welche Rolle die Mutter für mich spielt: Sie erinnert mich daran, was ich in meine Rolle als Fürsorgerin für mich selbst einbringen kann: jemand, der Schutz bietet, der sich um andere kümmert …

Als ich den Traum näher untersuchte, überraschte mich zunächst, dass Schmerz und Gefühle fehlten. Es schien, als würde meine Mutter nicht darunter leiden, dass sie erstochen wurde; sie versuchte nicht einmal, sich zu verteidigen. Ähnliches galt für die Vaterfigur, die während des gesamten Geschehens schlief, ohne zu schützen oder etwas zu empfinden. Beide Figuren stehen für mich für Gefühllosigkeit.

Auch die Passivität, die das Bild ausstrahlt, überrascht mich, aber gleichzeitig erinnert es mich daran, dass eine Überlebensstrategie bei Missbrauch darin besteht, sich nicht zu wehren, sondern den eigenen Körper dem Missbrauch zu überlassen – als Überlebensstrategie.

❖ Die Diebe: voller Tatendrang, aktiv,
direkt, kalt und freistehend

Das Paradigma des Processwork besagt, dass das Aufgreifen und Entfalten des beunruhigendsten Elements in einem Traum uns oft genau die Kraft geben kann, die wir brauchen, um die Herausforderung zu meistern, vor der wir stehen.

Ich betrachte diese Figuren als eher nebensächliche Elemente, obwohl sie noch nebensächlicher wären, wenn ich sie als Mörder sehen würde – was ich aber nicht tue. Die Figur des Diebes ist eine Traumfigur, aber sie verkörpert auch die X-Energie.25, desto beunruhigender die Energie.

Das ist die Rolle des Aggressors, der sich nimmt, was er will, ohne um Erlaubnis zu fragen.

Ich bringe die Energie der Diebe mit verschiedenen Bereichen meines Lebens in Verbindung, in denen ich mich dieser Energie ausgeliefert gefühlt habe, zum Beispiel in Beziehungen, in denen der andere Partner die kühlere und distanziertere Rolle eingenommen oder eingenommen hat. Diese Rolle hat sich jedoch zweifellos am deutlichsten in Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch und Übergriffen gezeigt, bei denen jemand ohne meine Zustimmung und ohne Rücksicht auf meine Grenzen entschieden hat, was er von meinem Körper nehmen wollte und wie er es tun würde.

Wenn ich auf meinen Lebensweg und einige der Ereignisse zurückblicke, die ihn geprägt haben, habe ich erkannt, wie wichtig es ist, diese direkte und distanzierte Energie stärker zu integrieren. Ich möchte diese Eigenschaften bewusst nutzen, um für mich selbst zu sorgen und mich zu schützen, aber vor allem möchte ich, dass sie nicht mehr in äußeren Umständen oder Personen zum Ausdruck kommen. Kälte und Distanz sind wichtig, um dem Leiden Grenzen zu setzen, mich vor den Angriffen meiner Kritiker zu schützen, vor schmerzhaften Situationen oder auch dann, wenn ich mich an Emotionen klammere, die mich herunterziehen. Es gab Momente in meinem Leben, in denen es mir schwerfiel, den Teil in mir zu leben, der klare Grenzen setzt und mit Distanz verbunden ist. Doch ich spüre, dass ich dies mit der Zeit immer selbstbestimmter und selbstbewusster tue.

Bei einer genaueren Betrachtung der Diebesfiguren scheint das Messer ein Schlüsselelement zu sein. Wenn es mir gelingt, das Messer zu sein und zu spüren, verbinde ich mich mit der Eigenschaft, Hautschichten zu durchschneiden, um tief einzudringen – kontrolliert und präzise, vollkommen präsent und konzentriert. Ich genieße die Empfindungen der unterschiedlichen Texturen, durch die ich schneide, sehr; sie ermöglichen es mir, im Moment präsent zu sein und mir alles bewusst wahrzunehmen, was ich berühre und was mich berührt.

Diese Vorstellung lässt mich auch über den Zusammenhang zwischen dem Messer und der Penetration in einer Missbrauchssituation nachdenken. Während ich dies schreibe, überkommt mich Entsetzen. Bei Missbrauch gibt es keine Verbindung und kein Gefühl zu dem, was penetriert wird. Das Messer vermittelt ein wichtiges Muster, um Missbrauch zu vermeiden: Bleibe verbunden und achte auf die Signale und Rückmeldungen dessen, was gerade geschieht; höre aufmerksam zu und sei dir bewusst, was du tust.

Das sind nützliche Eigenschaften für mein Privatleben und auch für meine Arbeit als Moderator, die eng damit verbunden ist, tiefer in die Erfahrung an der Grenze einzutauchen. Tief einzutauchen und zu spüren, wie die verschiedenen Hautschichten durchdrungen werden, bedeutet, mit vollem Bewusstsein und voller Präsenz in die verschiedenen Ebenen einzutreten.

Ein letztes Detail, das es im Zusammenhang mit den Dieben zu analysieren gilt, ist die Tatsache, dass sie in meiner Mutter nach etwas suchen. Sie suchen nach einem Schatz, einer kleinen, glänzenden Perle, die in ihrem Körper verborgen ist.

❖ Die Perle im Körperinneren

Ein weiterer wiederkehrender Traum, den ich schon seit meiner Kindheit habe, ist einer, in dem ich ein neugieriger Vogel war, der wissen und verstehen wollte. Ein Vogel, der in die Häuser der Menschen flog, um zu sehen, wie es ihnen ging, wie sie miteinander umgingen und was dort drinnen geschah. Als wäre der Vogel Zeuge dessen, was hinter verschlossenen Türen vor sich ging. Ich stelle fest, dass dieses Gefühl meinem Wunsch ähnelt, in die Gedanken der Menschen einzutauchen, um zu verstehen, was und wie sie fühlen, und um mitzuerleben, wie sie Dinge erleben. Ich nehme an, dass hierher mein Wunsch rührt, Einzelpersonen, Familien und Gruppen in der Therapie zu begleiten.

Wenn ich auf den ersten Traum zurückkomme, stelle ich fest, dass die Suche nach etwas, das tief im Inneren des Körpers verborgen ist, für mich eine sehr präsente Erfahrung ist, und dies prägt auch meine Arbeit mit Einzelklienten und Gruppen. Ich versuche, sie dabei zu begleiten, eine kleine Perle zu finden – ihr eigenes Licht, das in ihnen verborgen ist und von dessen Existenz sie oft gar nichts ahnen. Ich bin fest davon überzeugt, dass es von enormer Bedeutung ist, mit dem Licht, der Perle oder der Essenz verbunden zu sein, die uns ausmacht und einzigartig macht. Und für mich hat die Verbindung mit diesem inneren Licht alles mit Freude zu tun und damit, meinem wahren Selbst nahe zu sein – nahe an meiner Essenz und meinem tiefsten Inneren.

Wenn ich dem Erlebnis der Perle Raum gebe, stelle ich fest, dass es sich um eine weiße Perle handelt, die viel Licht ausstrahlt, sich jedoch an einem tiefen und verborgenen Ort befindet, an dem ihr Licht kaum durchscheinen kann. Wenn sie zum Vorschein kommt oder gefunden wird, hat sie die Fähigkeit, Dinge zu erhellen, und dadurch verleiht sie dem Leben Farbe, und das Schwarz nimmt alle möglichen Schattierungen an. Die Perle strahlt und lässt den ganzen Körper erstrahlen, ja sogar darüber hinaus. Die Verbindung dazu ist Teil meines Lebensmythos und hängt mit Momenten zusammen, in denen ich mich lebendig und voller Energie fühle, in denen das Leben einen Sinn und einen Zweck hat, in denen ich weiß, dass ich genau dort bin, wo ich sein soll, und in denen ich mich erfüllt und mit etwas Tieferem verbunden fühle.

In gewisser Weise bedeutet für mich, mich mit dem Vergnügen zu verbinden, mich mit dem Wesen dieser Perle zu verbinden und auf diese Weise die allgemein akzeptierte Realität aufzubrechen. Das ist ein Teil meiner Arbeit, und dann muss ich eine Verbindung zu den anderen Dimensionen finden, damit ich mehr Raum für mich selbst und für eine umfassendere Erfahrung habe.

Ich versuche, diese Art von Elementen aus meinen Träumen in meinen Beruf als Therapeut und in mein Privatleben einzubringen. Die Energie der Suche nach dem Licht oder der inneren Perle, die Energie des Messers, das die Schichten durchschneidet. Diese Suche nach Tiefe steht im Gegensatz zu dem Wunsch, an der Oberfläche zu bleiben – was unbefriedigend und alles andere als angenehm ist. Alles Diese Gestalten, die in meinem Traum erscheinen, sind Verbündete auf meinem Weg, und einige von ihnen führen mich zu sehr wertvollen Fähigkeiten oder Meta-Fähigkeiten, die dazu beitragen werden, dass ich auf meinem Weg zu einem freieren und bewussteren Umgang mit Lust gelange.

b) Welche Botschaft vermittelt mein Körper?

Processwork erforscht unsere bekannte Welt und öffnet uns für das Unbekannte, für die schattenhaften und unerklärlichen Elemente, die die verborgenen Keime bilden, aus denen neues Leben und neue Kreativität entstehen können.

Amy Mindell, 1995:57

Ich beginne diesen Abschnitt mit diesem Zitat, das mich dazu inspiriert, mich auf unbekannte Aspekte einzulassen, um die Keime der Verwandlung zu entdecken. Und mit dieser Inspiration betrachte ich diesen Körper, den ich bewohne, und seine Zeichen als eine große Quelle des Wissens, der Weisheit und der Erfahrung. Ich betrachte ihn als einen Behälter meiner eigenen Geschichte, aber auch als einen Behälter der Geschichte meiner Vorfahren. Ich höre meinem Körper aufmerksam zu, denn er offenbart die absoluteste und reinste Wahrheit. Er kennt keine Filter, er zeigt ein mythisches Muster und schafft Bewusstsein, sodass er die Gefühle des Versagens oder der Ausweglosigkeit mildert, die gewöhnlich mit chronischen oder langanhaltenden Konflikten einhergehen.

Jung sagte, Träume seien Tore zum Unbewussten. Mindell ging noch über die Jungschen Ideen hinaus und untersuchte, inwiefern Traumerlebnisse nicht nur in den Träumen selbst aufträten, und stellte fest, dass das Traumerlebnis nicht nur in den Träumen stattfinde, sondern dass das Träumen26 Dieser Prozess fand ständig statt, Tag und Nacht. Er entdeckte, dass das, was wir nachts träumen, und die Symptome, die wir tagsüber wahrnehmen, dieselbe Energie haben und dass sich dies wiederum in verschiedenen Bereichen unseres Lebens manifestiert.

Um dies besser zu verstehen, habe ich einige chronische Symptome oder Erfahrungen ausgewählt, die ich im Laufe der Jahre gemacht habe. Meine Absicht ist es, die Botschaften zum Thema Lust zu entschlüsseln, die die Signale meines Körpers in meinen Prozess einbringen.

❖ Schlaflosigkeit

Dieses Symptom begleitet mich schon, solange ich mich erinnern kann. Glücklicherweise tritt es in meinem Leben mittlerweile seltener auf und ist weniger stark ausgeprägt. Deshalb werde ich es im Präteritum beschreiben.

Ich habe die Schlaflosigkeit “vampirus insominius vigilantis” (2) genannt. Es handelt sich um eine Traumgestalt, die sich durch einen Zustand ständiger “Hypervigilanz” (1) auszeichnet, der besonders nachts aktiv ist. In der allgemeinschätzten Realität äußerte sich dies darin, dass sie mich wach und wachsam hielt, zu aufmerksam, wenn ich eigentlich hätte schlafen sollen, oder mich mitten in der Nacht beim geringsten Geräusch aufweckte. Jedes noch so leise Geräusch oder jede noch so kleine Bewegung weckte mich auf. Ich hatte das Gefühl, mich nicht ausruhen oder abschalten zu können, weil ein Teil von mir stets wachsam war, für den Fall, dass etwas passierte. Selbst an Orten, die sicher schienen, konnte ich meine Wachsamkeit nicht aufgeben. Glücklicherweise ist dies im Laufe der Jahre und während ich dies hier schreibe kein ständiges Symptom mehr, sondern tritt nur noch bei bestimmten Gelegenheiten auf.

Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der dieser Zustand der Wachsamkeit auch außerhalb der Traumerfahrung auftrat. Manchmal trat er tagsüber auf, war jedoch nachts wesentlich häufiger anzutreffen, insbesondere wenn ich nachts allein durch die Straßen ging.

Ich hatte Angst, verfolgt zu werden oder dass jemand auf mich zukommen würde, um mir etwas anzutun. In solchen Momenten wurde die Traumfigur “vampirus insominius vigilantis” aktiv, und mein Körper reagierte darauf mit einer erhöhten Wachsamkeit gegenüber meiner Umgebung.

Um die Symptome besser kennenzulernen, habe ich die Signale in mich aufgenommen und auf den verschiedenen Ebenen (4) daran gearbeitet. Ich habe der störenden Energie der Hypervigilanz (1) Raum gegeben, sich auszudrücken, und als sie sich verstärkte, erschien die Traumgestalt (2) des “vampirus insominius vigilantis”. Sie hat überall Augen, um alles zu kontrollieren. Schließlich drang ich in das Wesen ein und ließ mich vom Universum leiten, während ich versuchte zu erkennen, welche Qualität das Symptom mit sich brachte. Ein fürsorglicher Blick erschien, ein respektvoller, als wäre es ein Meta-Blick, der aus der Ferne beschützt. Das erinnerte mich an eine Puppe, die ich vor einigen Jahren gebastelt hatte und die ich symbolisch neben mein Bett stellte, damit sie aufpassen konnte, während ich schlief.

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Ein weiterer beunruhigender Aspekt des Symptoms, das ich entwickelte, war das Gefühl, Zeit zu verschwenden, wenn ich schlafen wollte, es aber nicht konnte. Als ich dies durch das Anfertigen einer Skizze (5) der Energie weiter auslotete, nahm ich eine Qualität wahr, die nirgendwohin führte, die zu keinem Ergebnis führte. Und als ich noch tiefer ging, fand ich das Gefühl, die Kraft zu haben, Objekte aus einem Körper oder einem Gegenstand zu entfernen (6), als wären es schmerzhafte Stacheln, deren Entfernung Erleichterung brachte. Als ich dieses Gefühl verinnerlichte, stellte ich mir vor, wie ich mich selbst aus schmerzhaften oder toxischen Situationen befreien könnte. Es war wunderschön, mich mit dieser Kraft zu verbinden, und sehr nützlich für mein Leben und meine Beziehungen.

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Indem ich mich auf diese Erfahrung einlasse und mich von der dunklen Energie des Universums bewegen lasse <<Ein neues Gefühl überkam mich, das ich noch nie zuvor erlebt hatte. Ein Gefühl, bei dem sich das Loslassen der Kontrolle mit dem Wissen verband, dass ich beschützt wurde. Ich ließ mich vom Universum leiten und musste nicht die Kontrolle behalten; ich ließ los, ich hatte nichts, gegen das ich mich wehren musste. Ich spürte einfach, wohin mich die Energien führten; ein fließender Zustand ohne Anspannung&gt;&gt;

Es war wirklich überraschend, diese Erfahrung aus der Schlaflosigkeit heraus zu machen: Es war eine äußerst angenehme Erfahrung und ein entscheidender Faktor für mein Verhältnis zur Lust, denn ich konnte mich ganz hingeben, da ich wusste, dass ich nun die innere Gewissheit habe, umsorgt und beschützt zu sein.

❖ Epileptische Anfälle

Ein weiteres wiederkehrendes Symptom tritt immer noch gelegentlich auf, und ich nenne es “Stromturbulenzen”, allgemein bekannt als Epilepsie.

Epilepsie (von lateinisch epilepsĭa, abgeleitet vom griechischen ἐπιληψία, ‘Abfang’) ist laut Wikipedia eine Erkrankung, die durch ein Ungleichgewicht in der elektrischen Aktivität der Nervenzellen in einem Teil des Gehirns verursacht wird. Sie ist durch verschiedene neurologische Störungen gekennzeichnet, die eine Veranlagung für wiederkehrende Krampfanfälle hervorrufen. Diese haben in der Regel Auswirkungen auf neurobiologischer, kognitiver und psychologischer Ebene. Im Allgemeinen besteht die Behandlung in der Verabreichung von Antikonvulsiva, um die Symptome zu lindern.

Bereits im alten Babylon wurde über Epilepsie geschrieben. Je nach Kultur hatte sie unterschiedliche Bedeutungen, Interpretationen und Behandlungsmethoden. In manchen Zusammenhängen wurde ihr ein göttlicher Ursprung zugeschrieben und sie wurde verehrt; für andere bedeutete sie, vom Teufel besessen zu sein, oder stand im Zusammenhang mit den Mondzyklen. Ich halte es für wichtig, die Etymologie des Wortes hervorzuheben: Es stammt vom griechischen “epilambanein” ab, was so viel bedeutet wie „überfallen werden“ oder „überrascht werden“.

Dieses Symptom bzw. dieser Vorgang überraschte mich im Alter von 17 Jahren in Form eines extremen Zustands, in dem ich eine außerkörperliche Erfahrung machte, von der ich mich erst nach einiger Zeit wieder erholte. Nach diesem Vorfall und einem ähnlichen Ereignis begann ich, epileptische Anfälle zu erleiden. Als ich die ersten Anfälle hatte, unterzog ich mich medizinischen Untersuchungen und Konsultationen bei Neurologen, die mir erklärten, was mit mir geschah. Seit dieser Diagnose habe ich kaum noch Ärzte aufgesucht, und der Grund dafür ist nicht, dass ich kein Interesse daran hatte oder dass es keine Anfälle mehr gab, sondern dass mein Verhältnis zur Schulmedizin nicht harmonisch war.

Immer wenn ich mich an Ärzte wandte, stellte ich fest, dass sie kein Interesse an meinen Träumen, meinen persönlichen Erfahrungen oder dem hatten, was in mir vorging, sondern nur daran, dass ich die Behandlung in Anspruch nahm, die mir die allopathische Medizin anbot. Deshalb habe ich mich von Anfang an bis heute geweigert, diese Medikamente einzunehmen, obwohl sie die einzige Option waren, die mir angeboten wurde, und habe damit die Verantwortung übernommen, meine Symptome selbst in den Griff zu bekommen. Nach mehreren Konflikten mit dem allopathischen Medizinsystem und dessen einseitiger Sichtweise auf die Realität und meinen Körper, bei denen ich das Gefühl hatte, dass meine eigene Subjektivität und meine Erfahrungen vernachlässigt wurden, distanzierte ich mich davon. Es war schmerzhaft, aber diese Erfahrung in Einsamkeit durchzustehen, veranlasste mich dazu, nach anderen Wegen zu suchen, die meiner Natur besser entsprachen.

Die prozessorientierte Psychologie war mir auf meinem Weg durch die epileptischen Anfälle eine große Stütze. Sie half mir, mir der Symptome bewusst zu werden – ihrer Bedeutung, ihres Zwecks, der darin enthaltenen Botschaft – und fast den gesamten Weg über lernte ich, mich selbst dabei zu begleiten. Es war wichtig, auf die Signale meines Körpers zu hören, ihn zu spüren, ihn zu respektieren, zu lernen, in ihm zu leben, und meine eigene Erfahrung anzuerkennen. Wenn ich aus dieser Krise etwas gelernt habe, dann ist es, meine eigene Betreuerin zu sein, indem ich eine “Metaposition” entwickle – einen Geisteszustand, in dem ich meine eigenen Erfahrungen mit Mitgefühl und ohne Wertung beobachten kann. Tatsächlich hat die Entwicklung dieser fürsorglichen Haltung während der Anfälle mein Leiden angesichts der Anfälle erheblich gemindert.

Während der Anfälle verliere ich die Kontrolle über meine Körperbewegungen sowie die Fähigkeit zu sehen und zu sprechen, doch mein Gehör und mein Gleichgewichtssinn funktionieren weiterhin. Tatsächlich sind beide Sinne sogar noch geschärft, und ich kann deutlich spüren, was um mich herum vor sich geht. Wenn dies geschieht, kann ich nicht normal mit der Außenwelt kommunizieren, aber bei einer besonderen Gelegenheit, als mich jemand sehr Sensitives begleitete, Es gelang mir, durch winzige Signale eine Kommunikation herzustellen. Diese Erfahrung war eine große Erleichterung und half mir, auf mich selbst zu achten.

All dies hat mein Verständnis von Mindells Arbeit und den Arbeiten anderer Forscher zum Thema Koma und extreme Bewusstseinszustände geprägt.

Wenn man dieses Bild betrachtet, das die Vision meines “Metakommunikators” darstellt,”27 von außen, wenn die epileptischen Anfälle auftreten. Daraus erhalte ich einen Einblick in die Krämpfe und die inneren Turbulenzen, die ich durchlebe, doch was mich überrascht, ist das Gefühl, in einer Kiste gefangen zu sein. Während des Zeichnens habe ich nicht darüber nachgedacht, sondern es erst bemerkt, als ich das Bild betrachtete. Es ist ein beunruhigendes Gefühl, das ich während der Anfälle habe. In mir ist eine Energie, die gegen die Wände meines Körpers stößt und in ihrem Freiheitsdrang versucht, nach draußen zu gelangen.

Durch die Auseinandersetzung mit verschiedenen Symptomen habe ich gelernt, dass ich, wenn ich mich auf der Beziehungsebene blockiert fühle, an eine Grenze stoße und mein Körper dies sofort somatisiert. Das kann von einem Engegefühl im Hals reichen, sodass ich das Gefühl habe zu ersticken und mich nicht ausdrücken zu können, bis hin zu einem epileptischen Anfall, wenn die Situation schwerwiegender ist.

Epilepsie war für mich ein Prozess, der sich weiterentwickelt hat, je mehr mir bewusst wurde, was sie ist. Je mehr Bewusstsein ich dafür entwickle, desto weniger schmerzhaft, seltener und weniger intensiv sind die Anfälle. Epilepsie ist ein gestörter Zustand, der an einer Schwelle auftritt. Wie andere veränderte Bewusstseinszustände auch28 Ich habe erlebt, dass dies ein Zustand ist, in dem man wie erstarrt am Abgrund steht, und der mich von meiner eigenen Kraft und Stärke abschneidet.

Wenn veränderte Bewusstseinszustände wiederholt auftreten, wirken sie wie eine Sucht, und das Erleben des Symptoms verschafft einem etwas, das man ohne dieses Symptom nicht selbst zum Ausdruck bringen kann. Wenn ich mich frage, was mir die Epilepsie bringt, wird mir klar, dass die Botschaft tief im Inneren viel mit dem Schwerpunkt dieses Artikels zu tun hat: mit dem Genuss.

Und andererseits mit seiner Kehrseite: Schmerz und Leid. Je mehr ich über die Umstände gelernt und beobachtet habe, unter denen die Anfälle auftreten, desto deutlicher wird mir, dass es Situationen gibt, in denen mich etwas völlig überwältigt, weil ich nicht wusste, wie ich Grenzen setzen sollte. Mein Körper somatisiert den Anfall, was zu einem Kontrollverlust und zu einer Entladung führt – und zu einem späteren Zustand, in dem es für einige Augenblicke keinen Kampf mehr gibt und mir nichts anderes übrig bleibt, als mich hinzugeben. Es ist wie ein Gefühl, bei dem ich mich auflöse und meine Identität verliere, während ich die konsensuelle Realität verlasse.

Der Zustand nach dem Anfall, in dem die Schmerzen auf körperlicher Ebene so intensiv waren, dass mir nichts anderes übrig blieb, als mich auszuruhen, mich aufzulösen und loszulassen, steht in krassem Gegensatz zu dem Glaubenssystem, das mein Leben geprägt hat. Ein Glaubenssystem, das auf Handeln basiert, auf dem Kampf ums Überleben, auf der Konfrontation mit dem Schmerz, den Ängsten, Traumata und anderen Schwierigkeiten – und in dem das Leben als Schlachtfeld angesehen wurde, auf dem man niemals seine Wachsamkeit verlieren durfte, weil man angegriffen werden könnte.

Das Gefühl des Loslassens taucht in verschiedenen Momenten und Bereichen meines Lebens auf, und ich sehne mich oft danach. Es ist ein Signal, das mich daran erinnert, warum ich zum Wesentlichen vordringen, meine Identität loslassen und mich mit meinem tiefsten Selbst verbinden muss. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass es einen Weg gibt, wie ich mich schmerzfrei mit dieser Erfahrung verbinden kann, ohne die Anfälle durchleben zu müssen, um die blockierte Energie und alles, was zum Ausdruck kommen muss, freizusetzen. (Es scheint, als käme ich immer wieder an denselben Punkt zurück.).

Wieder taucht das Konzept des „Anfalls“ auf: zunächst in meinem Kindheitstraum, verkörpert durch die Diebe am Körper meiner Mutter, dann in meiner Schlaflosigkeit, bei der die Angst vor einem Angriff von außen im Vordergrund steht, und schließlich bei der Epilepsie, bei der der Anfall von innen zu kommen scheint.

❖ Depressionen und Todeswünsche

Viele Depressionen oder Todeswünsche hängen damit zusammen, in die Tiefe zu gehen. Wenn man keinen ausreichenden Zugang zur Essenzebene hat, neigt man zu Depressionen, und dies kann sogar zu Krankheiten führen.

Angesichts meiner Beziehung zum Tod war es interessant, Castanedas “Reise nach Ixtlan” zu lesen, in der ich mich an mehreren Stellen in seinen Worten wiedergefunden habe; daher werde ich im Laufe dieses Kapitels auf einige davon eingehen.

Der Tod war in meinem Leben ein sehr präsenter “Zustand” – in Form von Sehnsucht, Angst und der Suche nach dem Tod selbst. Seit ich ein ganz kleines Mädchen war, habe ich lange Phasen meines Lebens in tiefer Depression verbracht und war in dem Gedanken gefangen, zu sterben, um dem Kampf ein Ende zu setzen. Manchmal war das Leiden so extrem und qualvoll, dass ich das Gefühl hatte, es habe keinen Sinn, weiterzuleben. Manchmal habe ich versucht, diesen Wunsch nach dem Tod in die Tat umzusetzen, aber ich glaube, die Angst vor dem Unbekannten und ein kleiner Funke Hoffnung haben diese Versuche verhindert.

Die Depression hatte mich erfasst. Es war, als befände ich mich in einer grauen Wolke, in der das Leben keine Farben hatte und in der zerstörerische Gedanken mein ganzes Wesen zermürbten. Doch ich hatte mich in diesem Zustand sogar wohlgefühlt. Es bedeutete zwar Leiden, aber es war vertrautes Terrain, und ich dachte, es käme mich weniger Kraft zu kosten, darin zu verharren, als den Versuch zu wagen, hinauszugehen und mich ins Unbekannte zu begeben.

Wohlbefinden ist ein Zustand, den man pflegen muss, ein Zustand, mit dem man sich vertraut machen muss, um ihn zu erreichen. Du weißt nicht, was Wohlbefinden ist, weil du es noch nie erlebt hast. Um sich elend zu fühlen, muss man sich sehr anstrengen. Und genauso muss man sich anstrengen, um sich erfüllt und stark zu fühlen. Das ist doch Unsinn! Der Witz liegt darin, worauf man den Schwerpunkt legt. Entweder werden wir unglücklich oder wir werden stark – der Arbeitsaufwand ist derselbe.

Castaneda, 2017: XV Das Nicht-Tun

Und ja, wenn man mittendrin steckt, merkt man gar nicht, wie viel Mühe es kostet, sich schlecht zu fühlen, und wie viel man investieren muss, um alles negativ zu sehen, sich selbst zu quälen und so weiter.

In einem depressiven Zustand herrschen ein Gefühl der Erschöpfung, Müdigkeit und Niedergeschlagenheit vor, aber ich erkenne jetzt, dass ein Teil dieser Erschöpfung in meinem Fall darauf zurückzuführen war, dass ich einen inneren, sehr starken Kritiker und Missbraucher in mir trug. Eine Beziehung, die so aufdringlich wurde, dass sie meine Identität in Besitz nahm, bis ich glaubte, dass ich genau das verdient hätte – ein Glaubenssystem, das mich zu einem Leben verurteilte, in dem ich nicht besser sein konnte, und mir einredete, dass “Glück oder Freude” mir nicht zustehen würden.

Wie Castaneda sagt, ist es wichtig, uns selbst nicht überzubewerten, sonst verlieren wir den Blick für die Welt und isolieren uns. Ich habe diesen Blick teilweise verloren, weil ich von meinen Kritikern und meinen Glaubenssystemen geblendet war.

Jetzt geht es uns darum, unsere Arroganz abzulegen. Solange du das Gefühl hast, das Wichtigste auf der Welt zu sein, kannst du die Welt um dich herum nicht wirklich wertschätzen. Du bist wie ein Pferd mit Scheuklappen: Du siehst nur dich selbst und nimmst alles andere gar nicht wahr.

Castaneda, 2017: 49

Und wie schon zuvor bei den epileptischen Anfällen entsprach auch diesmal meine Erfahrung mit dem Gesundheitssystem nicht meinen Bedürfnissen in diesem Prozess. Oder vielleicht doch – das hängt davon ab, wie man es betrachtet. Nachdem ich zwei Jahre lang in der Kinderabteilung des Krankenhauses mit Antidepressiva behandelt worden war, wurde ich volljährig und in die Erwachsenenabteilung verlegt. Dort sagte mir eine Psychologin mit überraschender Ehrlichkeit und Klarheit, dass sie mir ebenso wenig helfen könne, wie es anderen über so viele Jahre hinweg nicht gelungen sei, und entließ mich daher. Es war damals ein schwerer Schlag, mit all dem plötzlich ganz auf mich allein gestellt zu sein. Doch mit der Zeit wurde mir klar: Wenn ich diesen Ort, diesen schmerzhaften Zustand, hinter mir lassen wollte, konnte ich das nur aus eigener Kraft schaffen. Es war, als wäre ich ein Stadtmensch, der lernen muss, auf einer einsamen Insel zu überleben.

Ich habe unzählige Therapien und Prozesse durchlaufen, bin viele Wege gegangen und stand am Rande des Todes … doch tief in meinem Inneren gab es immer etwas, ein kleines Licht, das daran glaubte, dass ich da herauskommen und ein anderes Leben führen könnte. Es war eine Reise von mehr als einem Jahrzehnt, aber es hat sich gelohnt, diesen Weg zu gehen und um den Ausgang aus diesem dunklen Tunnel zu kämpfen, um das Leben bis heute in vollen Zügen genießen zu können.

Eines Tages wurde mir klar, dass ich meine Lebensweise ändern musste, wenn ich ein Jäger sein wollte, der es wert ist, sich selbst zu respektieren. Ich habe gerne viel gejammert und geweint. Ich hatte gute Gründe, mich als Opfer zu fühlen. Doch dann brachte mir jemand das Jagen bei. (Er erklärt, dass die Indianer wie Hunde behandelt werden.) Und mir wurde klar, dass ich meine Lebensweise ändern wollte, weil sie nicht lebenswert war.

Castaneda, 2017

Irgendwie ging es mir genauso: Ich hatte Gründe, mich als Opfer zu fühlen, aber ich hatte noch mehr Gründe, etwas anderes zu verdienen als das, was ich mir selbst zuteilwerden ließ. Indem ich mir meines Prozesses bewusst wurde, lernte ich, mich selbst zu respektieren und mir die Möglichkeit zu geben, mich von so viel Unterdrückung zu befreien.

Ein buddhistisches Retreat veranlasste mich dazu, intensiv darüber nachzudenken, was ich unter dem Tod verstand und was ich darüber glaubte. Das Gesetz des Karma beschäftigte mich tagelang, da es aus der Perspektive dieser speziellen buddhistischen Tradition sinnlos war, den Tod als einen Weg zur Befreiung zu betrachten. Aber es half mir dabei, die Ruhe zu suchen, nach der ich in jenen Momenten suchte, in denen mir die Qual in der Vergangenheit das Leben rauben wollte.

Als ich nach dem Zustand suchte, den ich in jenen Krisenmomenten suchte, in denen ich von Selbstmord fantasierte, fand ich im Tod einen Zustand der Ruhe und Leere, in dessen Wesen es nichts zu tun gibt. Es war ein Zustand der Leichtigkeit, in dem der Geist still war und die Zeit sich ausdehnte, und in dem ich gleichzeitig – und das ist das Wichtigste – nur im gegenwärtigen Moment lebte. Es war ein Zustand der Losgelöstheit von Geist und Körper.

Im Laufe der Jahre und dank der Perspektive des Processwork ist es mir gelungen, zu verstehen, dass das zugrunde liegende Muster bei Depressionen oder Selbstmord darin besteht, die Konsensrealität zu durchbrechen, um Zugang zu einer anderen Erfahrung meiner selbst zu erlangen. Dieses Muster taucht in meinem Traum auf und ist Teil dessen, was ich in die Welt trage: die Bedeutung, mit dieser Konsensrealität zu brechen, die Parteien und Kämpfe loszulassen und sich hinzugeben, damit etwas Neues entstehen kann, damit etwas geboren werden kann. Es hat viel damit zu tun, die Identität fallen zu lassen, das gewöhnliche Selbst sterben zu lassen. Es bedeutet, mich für das zu öffnen, was entstehen wird; es ist eine schamanische Vision, bei der es darum geht, wie Castaneda es definiert, die Welt anzuhalten, um darüber hinaussehen zu können.

Ich weiß es sehr zu schätzen, mich mit dem Thema Selbstmord auseinandersetzen zu können und den Prozess zu hören, den er verbirgt. Selbstmord ist ein Prozess, der Schuld und Scham verbirgt; es ist etwas, von dem niemand etwas hören oder darüber sprechen möchte, weil es uns Angst macht. Für mich hat es geholfen, darüber sprechen zu können und mir Raum zu geben, es zu verarbeiten – so konnte ich wieder eine Verbindung zum Leben herstellen. Selbstmord verbirgt ein großes Verlangen nach Veränderung, nach Transformation, nach der Suche nach Sinn und Freiheit aus der gefangenen Identität heraus, nach Verbindung mit etwas Größerem und mit etwas Tiefgründigem in einem selbst. Und all diese Entdeckungen sind dadurch geschehen, dass ich mich mit dem Wesentlichen verbunden und alles Vertraute losgelassen habe, um Raum für das zu schaffen, was aus dem Nichtstun entsteht.

Ich bin fest davon überzeugt, dass Wenn wir als Gesellschaft dem Tod und den damit verbundenen Prozessen mehr Raum geben würden, könnten wir eine gesündere Beziehung zum Leben und zu uns selbst aufbauen. Wenn Tod und Selbstmord als Tabuthemen behandelt werden, wird ein wichtiger Teil des Lebens und der Prozesse, die wir durchlaufen, ausgeklammert.

Schon Platon erklärte, dass der Tod kein katastrophales Ende sei, sondern vielmehr ein Wendepunkt, der zu einem höheren Ziel führe […] Tot zu sein bedeutet alles andere als Nichtsein. Im Gegenteil: Der Tod erhebt, vertieft und verwandelt das Sein. Tot zu sein bedeutet, wach zu sein und den Fokus auf sich selbst zu richten – ohne den Körper, der die Wahrheit verschleiert, Ablenkung oder Verwirrung stiftet. Der Tod vertieft die Konzentration und die Verinnerlichung der Seele.

Han, 2002: 129

c) Synchronizitäten

Es ist wichtig, die Ereignisse zu berücksichtigen, die uns widerfahren, denn auch sie liefern Informationen über den Prozess. Zu Beginn dieses Textes habe ich zwei wichtige Ereignisse genannt, die sich im letzten Jahr ereignet haben, als ich dieses Projekt begann, und auf die ich nun zurückkomme, um sie mit meinem Lebensmythos in Verbindung zu bringen.

Zu Beginn hatte ich erwähnt, dass ich mir einen Knochen gebrochen hatte, wodurch ich eine Zeit lang bewegungsunfähig war. Aus schamanischer Sicht würden wir sagen, dass etwas kam und mich bewegungsunfähig machte, dass etwas mich aufgehalten hat. Doch dies führte dazu, dass ich eine große Schwelle überschritt, nämlich den Betreten eines Operationssaals. Zum ersten Mal in meinem Leben würde ich mich ohne jegliche Kontrolle hingeben, ich würde betäubt werden und könnte jene abwesende Rolle einnehmen, die bei Schlaflosigkeit fehlt – die Rolle der Losgelöstheit, des Loslassens von Kontrolle und der Hypervigilanz. Das Bedürfnis, wieder zu tanzen, war viel größer als die Angst vor dem Eingriff; ohne die Bewegung hatte ich das Gefühl, dass etwas in mir starb, und das konnte ich nicht zulassen.

Und ich habe mich nicht nur der Rolle der Abgrenzung hingegeben, sondern indem ich die Kraft, die bei dem Unfall auf meinen Körper traf und mich zu Boden warf, angenommen habe, habe ich auch die Initiative ergriffen, meinen Lebensweg zu ändern und es anders zu machen. Irgendwie übernahm ich die Zügel, die Eigenverantwortung, anstatt in der Opferrolle zu verharren und mich von der Depression überwältigen zu lassen. Seltsamerweise lief ich dieses Mal nicht vor dem davon, was mir widerfahren war. Ich nahm den Schmerz, die Traurigkeit und den Mangel an Selbstbestimmung über meinen Körper bewusst an, hörte auf seine Botschaften und lebte das Geschehene, indem ich es so akzeptierte, wie es kam – ohne mich daran zu erfreuen, aber auch ohne das, was da war, zu verdrängen. Diese neue Beziehung herzustellen, die Eigenverantwortung für einen neuen Weg und für das Geschehene zu übernehmen, war etwas Wichtiges und Entscheidendes in meinem Prozess.

Wenn man depressiv ist, spielt sich alles sehr stark im Kopf und in den Gedanken ab. Doch dieses Mal kam noch eine körperliche Erfahrung hinzu: Zum ersten Mal war ich wie gelähmt.

Für mich ist es wichtig, noch einmal ein zweites Ereignis zu erwähnen (mit dem diese Reise begann): das Erdbeben, das meinen Körper und mein Leben erschütterte, um mich tief mit meinem Wesen und mit dem Geschenk des Lebens zu verbinden. Der Tod trat erneut als Lebensratgeber in Erscheinung. Und indem ich mich mit der dunklen Energie des Universums, diesem großen Unbekannten, verband, übernahm ich wieder die Verantwortung dafür, bewusst und auf der Suche nach Erfüllung zu leben.

An jenem Tag habe ich mich auf die Verbindung konzentriert, die mich mit dem Tod verbindet, um mir eine neue Art des Lebens bewusst zu machen und mich daran zu erinnern – eine Art, die nicht länger aufgeschoben werden durfte.

Glaube, du hättest keine Zeit, und handle entsprechend. Lass jede deiner Handlungen dein letzter Kampf auf Erden sein. Es ist keine Zeit für Schüchternheit. Schüchternheit lässt dich an Dingen festhalten, die nur in deinen Gedanken existieren. Schüchternheit hindert uns daran, unser Glück als Männer zu erkennen und zu nutzen.

Castaneda, 2017

Ich hatte die Absicht, zu reisen, um Freude zu erleben, doch die Welt hatte etwas Größeres für mich vorgesehen. Und überraschenderweise ergibt diese ganze Reise heute, ausgehend von einem der qualvollsten Ereignisse meines Lebens, plötzlich Sinn. Und gerade durch dieses Ereignis, das mir damals am weitesten vom Vergnügen entfernt schien, konnte ich eine der tiefsten Freuden erleben, die ich je empfunden habe.

Das geschah in zwei Momenten. Einer davon war der Moment, in dem ich mich auf sehr tiefe Weise der Natur hingab, um zu akzeptieren, dass ich nichts tun konnte, und mein Leben dem zu überlassen, was auch immer geschehen musste. Es ist ein sehr tiefes Gefühl, ähnlich dem, das ich bei meinen epileptischen Anfällen hatte, doch überraschenderweise fand der Anfall diesmal nicht in meinem Körper statt. Es schien, als hätte die Erde die Epilepsie, aber mein Körper kam – aus einem noch unbekannten Grund und obwohl er stundenlang zitterte – nicht in Krämpfe.

Diesmal fand das Loslassen in einer anderen Dimension statt, auf einer Ebene der Verbindung mit dem Spirituellen, wo eine Ruhe und eine Art Licht mein Wesen umhüllten und mir sagten, dass alles gut werden würde und dass es an der Zeit sei, mein Leben in die Hände der Natur oder des Universums zu legen. Das war ein Augenblick, den ich als angenehm empfand – in Verbindung mit etwas Größerem, beim Loslassen der Kontrolle, beim Sich-dem-Leben-Hingeben.

Ein weiterer bedeutender Moment im Zusammenhang mit dem Vergnügen an diesem Tag war der Abschied von den Menschen, die ich in meinem Leben liebte. Mich von diesen Menschen zu verabschieden, mir die Freiheit nehmen zu können, mich ohne jeglichen Filter und aus einer ganz und gar bedingungslosen Liebe heraus auszudrücken, in der es keine Polarität mehr gab, in der all der Schmerz der Vergangenheit und alle möglichen Verletzungen keinen Platz mehr hatten. Ich verabschiedete mich von meinen Eltern, dankte ihnen für mein Leben und bat um Vergebung für den Schmerz, den ich zu bestimmten Zeiten verursacht hatte. Und ich sagte ihnen ohne Angst, dass ich sie liebte. Dasselbe tat ich auch bei meinem Bruder. Und die Verbindung zu ihnen allen entstand aus einer Liebe heraus, die wir zuvor nicht gekannt hatten, aus einem Ort von großer Schönheit. Wir alle wussten, dass dies vielleicht unsere letzten gemeinsamen Worte waren, doch eine Art unerklärlicher Frieden erwartete uns.

In jener Nacht wurde mir klar, dass Vergnügen etwas anderes war; dass das Wort „bedeutsam“ eine neue Bedeutung annahm. Mir wurde klar, dass Das Vergnügen hatte neue Facetten, es konnte unterschiedlicher Art sein und von den unerwartetsten Orten kommen. Aber wenn es etwas gab, das mir immer wieder bewusst wurde, dann war es, dass das Vergnügen an sich etwas ist, das kommt und geht, dass wir nicht versuchen können, es zu kontrollieren und uns aufzuzwingen. Dass es uns als Menschen nicht gehört, sondern uns überrascht, wann immer die Natur es so will.

Noch einmal, Der Tod brachte mir die Weisheit, mich mit dem Leben zu verbinden. Es scheint, dass sich das Muster manchmal wiederholt, bevor es verstanden werden kann, und dass es über verschiedene Kanäle auftaucht, um ins Bewusstsein zu gelangen. Wie das Gesetz der Informationserhaltung besagt, kann Information weder verloren gehen noch zerstört werden; das System wird so lange immer wieder Signale senden, bis sich das System verändert. Und dieses Mal gelangte die Information auf einer sehr tiefen Ebene an, sodass eine wichtige Transformation stattfinden konnte. Seitdem konnte das Leben nicht mehr aus derselben Perspektive betrachtet werden, und es nahm neue Facetten an, die ich zuvor noch nie gesehen hatte, sowie bisher unbekannte Möglichkeiten des Empfindens.

7. Nächster Halt: die zum Schweigen Gebrachten im Körper, der Missbrauch

Das Schweigen über das Trauma führt ebenfalls zum Tod: zum Tod der Seele. Das Schweigen verstärkt die Isolation des Traumas.29

Bessel van der Kolk

Im Laufe meiner Dissertation tauchten neue Aspekte auf – Aspekte, die ich ursprünglich nicht einbeziehen wollte, die aber aufgrund ihres offensichtlichen Zusammenhangs mit dem Thema nicht ausgelassen werden konnten. Sexueller Missbrauch ist einer dieser “Aspekte”, und heute, am Ende dieser Reise, wird mir erst richtig bewusst, wie entscheidend und einschränkend die Definition und Abgrenzung von Missbrauch für die Art und Weise war, wie ich Lust erlebt habe.

Bevor ich fortfahre, möchte ich den unzähligen stillen Stimmen der Vergangenheit und Gegenwart meine Ehrerbietung erweisen. Ich widme dieses Kapitel den Frauen aus aller Welt, Generationen über Generationen, denen die Unterdrückung tief in die Zellen eingebrannt wurde; Töchtern, Müttern, Großmüttern und Urgroßmüttern, die gelitten haben die Folgen eines patriarchalischen Systems, das den Körper der Frau kontrollieren muss, als wäre er eine mächtige Waffe.

Das Feuer, das in den sozialen, psychologischen und spirituellen Dimensionen der Menschheit lodert, kann die Welt zerstören. Es kann aber auch dazu beitragen, Konflikte in den Aufbau einer stärkeren Gemeinschaft umzuwandeln. Es liegt an uns: Wir können Konflikte vermeiden oder uns in das Feuer begeben, eingreifen und versuchen zu verhindern, dass sich die schmerzhaftesten Fehler der Weltgeschichte wiederholen.

Mindell, 2015: 18

Heute “setze ich mich ins Feuer”, um über Missbrauch zu sprechen, insbesondere über sexuellen Missbrauch und all die Dynamiken, die damit einhergehen. Sexuell missbraucht worden zu sein, war eine der schmerzhaftesten Erfahrungen meines Lebens und diejenige, die meine Lebensgeschichte am stärksten geprägt hat. Heute breche ich mein Schweigen und bringe das Thema Missbrauch mit, um es der Gemeinschaft gewissermaßen zurückzugeben. Nachdem ich mich lange Zeit auf persönlicher Ebene damit auseinandergesetzt habe, Ich gebe die Verantwortung an die Gemeinschaft zurück, in deren Rahmen sich das ereignet hat und die daher auch die Verantwortung dafür übernehmen sollte.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der jede vierte Frau irgendwann in ihrem Leben sexuellen Missbrauch erlebt hat; das bedeutet auch, dass es eine große Zahl von Tätern gibt. Doch die Gesellschaft, die dies zulässt, bestraft solche Taten nicht nur nicht, sondern leugnet auch deren Existenz und spielt damit die dadurch verursachten Schäden herunter. Bei fast 70% der aufgedeckten Missbrauchsfälle gab es weder rechtliche Konsequenzen noch Folgen innerhalb der Familie oder in sozialen Strukturen. Anscheinend wird die Stimme, die Missbrauch zur Kenntnis nimmt und dafür Verantwortung übernehmen sollte, zum Schweigen gebracht, eine Stimme, die wir als “Geisterrolle“ bezeichnen können30”im Rahmen patriarchalischer Überzeugungen.“.

Bis vor kurzem wurde über Missbrauch nicht gesprochen; erst im letzten Jahrzehnt wurde er benannt und zu einem öffentlichen Thema. Unsere Kultur führt immer noch dazu, dass wir ihn verbergen wollen. Es gibt viel Leiden, Schmerz, Scham und Schuldgefühle stehen hinter den Geschichten über Missbrauch, doch diese Erfahrungen werden im Verborgenen durchlebt – und erst recht die tiefgreifenden Auswirkungen, die sie auf unser Leben haben.

a) Meine Geschichte: Genesung und Heilung nach Missbrauch

Schon von klein auf war Missbrauch Teil meines Lebens, und zwar so sehr, dass ich viele Jahre lang glaubte, dies sei mein Schicksal. Es fühlte sich an, als würde etwas mein Leben planen, als würde eine Art mächtiges Wesen mein Leben für mich bestimmen und mich immer wieder in diese Situationen bringen. Sie wiederholten sich einfach immer wieder, und ich konnte nicht verstehen, warum. Verzweifelt und verwirrt versuchte ich, Erklärungen und Verantwortlichkeiten für das Geschehene zu finden. Ich fragte mich, was ich getan hatte, um das zu verursachen, was ich durchmachte – es war ein ständiger Kampf mit Schuldgefühlen, Verwirrung und dem Wunsch zu verstehen, warum es einfach immer wieder passierte.

Ich suchte Hilfe bei den unterschiedlichsten Therapien, um mich von dem Mal zu befreien, das auf meinen Körper tätowiert war und mich scheinbar immer wieder in Missbrauchssituationen zog. Manchmal hatte ich das Gefühl, als könnten Männer an meinem Körper die Erlaubnis ablesen, ihn erneut zu missbrauchen. Es klingt verrückt, selbst wenn ich meine eigenen Worte lese, aber genau so habe ich es empfunden.

Ich erinnere mich an ein besonders bedeutsames Ereignis im Zusammenhang mit meinem Bestreben, die Signale zu verstehen, die ich möglicherweise ausgesendet habe.

Nach einer Zeit der Therapie beschloss ich, in den Urlaub zu fahren; in den Tagen vor meiner Abreise überkam mich die Angst, dass mir etwas zustoßen könnte. Ich erinnere mich, dass mein Therapeut mir eine Grundregel für meine Reise mit auf den Weg gab: Ich sollte klare Grenzen gegenüber jedem Mann setzen, der mir zu nahe kam. Damals hörte ich nicht darauf und glaubte auch nicht an die Kraft der Signale, die mein Körper aussenden konnte.

Der erste Abend kam, und ich war vom Jetlag völlig erschöpft; da es schon bald Zeit fürs Bett war, suchten meine Freundin und ich nach einer Unterkunft. Ein Mann, der Zimmer vermietete, bot uns eine Unterkunft an. Ich hatte das Gefühl, dass das keine gute Idee war, aber wie so oft damals ignorierte ich dieses Gefühl und beschloss, meinem Freund zu vertrauen, der mit dem Plan zufrieden zu sein schien. In dieser Nacht trug ich zum ersten Mal in meinem Leben Ohrstöpsel beim Schlafen.

Während ich schlief, kam der Mann ins Zimmer. Als ich verwirrt und in Panik aufwachte, war es bereits zu spät. Ich konnte keine Grenzen setzen, da ich unglaublicherweise nicht rechtzeitig aufgewacht war. Selbst jetzt noch rollen mir die Tränen über das Gesicht, während ich dies schreibe. An jenem Tag weinte ich und weinte und fragte mich, wie das schon wieder passieren konnte – wir hatten kaum zwei Worte miteinander gewechselt, wie hätte ich da irgendwelche Anzeichen erkennen oder Grenzen setzen können? Und doch hatte sich die Geschichte irgendwie wiederholt.

Wenn bestimmte Probleme und Erfahrungen immer wieder auftreten, bieten sie immer wieder Gelegenheiten, Kernfragen zu beleuchten. Jedes Mal bringen sie neue Erfahrungen, neue Bedeutungen und neue Erkenntnisse mit sich. […] Doch jedes Mal, wenn sie wiederkehren, bergen sie das Potenzial für persönliche Veränderung und Wachstum. Wie in mythischen Erzählungen verändert sich nicht der Drache, sondern der Held.

Diamond&Spark 2004: 149

Leider war dies nicht das letzte Mal. Die Übergriffe wiederholten sich einige Zeit später, als ob ich mir noch weiterer Missstände in diesem System bewusst werden müsste. Doch diese Erfahrung brachte etwas Wichtiges mit sich: Ich beschloss, den Vorfall zu melden. Für mich bedeutete das Anzeigen, mich an die Gesellschaft zu wenden und deren Unterstützung zu suchen. Leider stieß ich auf eine Realität, die ich niemals erwartet hätte. Ich fand ein System vor, das mir die Schuld gab und mit dem Finger auf mich zeigte. Anstatt mir Schutz zu bieten, meinem Schmerz Gehör zu schenken und den Missbrauch sowie den Täter (der bereits als Wiederholungstäter registriert war) zur Rede zu stellen, begünstigte es eine erneute Viktimisierung. Obwohl der Schmerz und die Ohnmacht angesichts des Geschehenen sehr groß waren, gab es doch etwas Wichtiges: Ich blieb nicht in diesem Schweigen stecken, sondern Ich habe es wieder in das System eingegeben. Bei früheren Gelegenheiten, bei denen ich missbraucht worden war, hatte ich geschwiegen und die Erfahrung in meinem Körper vergraben, ohne darauf reagieren zu können. Doch dieses Mal hörte ich auf, den Blick nach innen zu richten, und begann, mit dem Finger nach außen zu zeigen.

Ein paar Jahre später – und seltsamerweise auf einer anderen Reise – erinnere ich mich an eine Situation, die meiner Geschichte tatsächlich eine neue und entscheidende Wendung gab.

Ich befand mich in einem mir unbekannten Land, weit weg von zu Hause, wo ich erst seit wenigen Tagen war. Ich war zu einem Processwork-Seminar gereist. Ich verstand weder die Sprache noch kannte ich die Kultur oder die gesellschaftlichen Normen. Ich ging in einen Laden, um etwas zu essen zu kaufen. Es war ein kleines Geschäft, das auf den ersten Blick sympathisch wirkte. Ich war freundlich zu dem Verkäufer, obwohl wir uns kaum verstehen konnten. Plötzlich kam der Mann hinter der Theke hervor, um mir die Ware zu geben, und griff mir an die Brüste. Es war niemand sonst da, es war später Abend, und ich verstand nicht, was da geschah. Er lachte mich aus, während er mich begrapschte. Ich verspürte Angst und große Wut. Ich erinnere mich, dass ich wie gelähmt war und mich machtlos fühlte, ohne diese Wut über das Geschehene zum Ausdruck bringen zu können – so wie es bereits bei all den Übergriffen der Fall war, die ich zuvor erlebt hatte. Es war eine Kleinigkeit, und ich versuchte, sie herunterzuspielen, aber ich spürte, wie sich die Wunde wieder öffnete und blutete.

Am nächsten Tag beschäftigte ich mich in einer der Seminarübungen mit dem Geschehenen. Ich schlüpfte in die Rolle des Angreifers, um mich mit seiner Energie zu verbinden. Aus dieser Situation habe ich viele Lektionen gelernt. Das Erstaunlichste war die Erkenntnis, wie sehr ich diese Energie brauchte, um auf das hinzuarbeiten, was ich wollte, und mich voll und ganz darauf einzulassen, ohne über Hindernisse nachzudenken. Dieser Mann war für mich ein Lehrer, auch wenn ich leider erneut eine Situation erleben musste, die mich an meine eigene Geschichte erinnerte. Doch diese Erkenntnis in jenem fernen Land war einer der Schlüssel dazu, solche Situationen nicht mehr erleben zu müssen.

Genau diese Eigenschaft, zielstrebig und gelassen auf das zuzugehen, was man sich wünscht, war auch in meinem “Kindheitstraum” vorhanden. In diesem Fall waren es die Diebe, die diese Energie in sich trugen, während sie im Körper meiner Mutter nach etwas suchten.

Ich beschäftige mich schon seit vielen Jahren mit diesem Thema und habe mich dabei mit verschiedenen Aspekten auseinandergesetzt. Es ist mir gelungen, die Ereignisse zu schildern und dabei Schmerz, Wut, Zorn und anderen Gefühlen Raum zu geben. Ich habe mich mit meinen Kritikern und meinen Glaubenssystemen auseinandergesetzt. Ich habe am Körper gearbeitet, um ihn zu entlasten und den Schmerz auszudrücken. Und ich habe mich mit den Folgen in der Gegenwart beschäftigt. Aber etwas Grundlegendes war es, nach und nach in den verschiedenen Rollen zu arbeiten und die Energien zu erforschen, die sie in sich bergen.

Menken (2013) spricht von 4 Rollen, die in jeder Sozialgeschichte vorkommen: Opfer, Täter, Beobachter und Vermittler. Bei sexuellem Missbrauch kommen die ersten beiden Rollen zum Tragen; manchmal kann auch die Rolle des Beobachters eine Rolle spielen. Ich kann mir die Rolle des Vermittlers bei dieser Art von Missbrauch nicht vorstellen, abgesehen von einer möglichen Nachbetreuung nach den Vorfällen.

Im Processwork gibt es keine strenge Definition dessen, was es bedeutet, ein Moderator zu sein. Allgemein gesagt ist der Moderator die Person, die auf das Geschehen hinweist und es einordnet, die verschiedenen Parteien begleitet, um bei der Bewältigung von Differenzen oder Konflikten zu helfen, dafür sorgt, dass die verschiedenen Stimmen und Gefühle Gehör finden, usw. Es handelt sich um eine Rolle, die in meiner Geschichte offensichtlich fehlte, mit Ausnahme der Begleitung bei der Traumabearbeitung. Aber gerade weil ich mich auf diese Reise begeben habe, Mein innerer Moderator hat seinen Platz gefunden, um sich den Polaritäten zu widmen und sie zu moderieren, und so zu lernen, die nützliche Botschaft aus dem Geschehenen herauszulesen. Um dies zu erreichen, war es sehr wichtig, die verschiedenen Beteiligten vorurteilsfrei, mit der Offenheit eines Anfängers, mit Neugier, Mitgefühl … und all den Elementen, die zu Beginn der Reise in den Koffer gepackt wurden, anzunehmen.

Während dieses Heilungsprozesses habe ich die verschiedenen Rollen durchlaufen, die ich früher benannt habe – einige waren mir vertrauter und gelebter als andere. Jahrelang habe ich mich unbewusst mit der Rolle des Opfers identifiziert (und mich sogar übermäßig damit identifiziert). Ich hatte das Kleid des Opfers angezogen und reagierte als solches auf viele Situationen, in denen Machtverhältnisse zum Tragen kamen. Und wenn ich es auszog, wusste ich nicht, wie ich andere Kleidung anziehen sollte. Ich kannte es und trug es gut, es schien maßgeschneidert zu sein und ich fühlte mich darin wohl. Der Schlüssel zur Veränderung dieser Situation lag darin, zu erkennen, wer in jedem Moment reagiert. Und mir der Momente bewusst zu werden, in denen ich wieder dasselbe Kleid anzog. Und darauf zu vertrauen, dass sich auch andere Kleidung und andere Outfits meinem Körper anpassen können und mir dabei helfen, eine neue Identität zu entwickeln.

So sehr du dich auch gerne selbst bemitleidest, musst du das ändern. Das passt nicht zum Leben eines Kriegers.

Castaneda, 1972: 161

Aus Sicht der Prozessarbeit würden wir sagen, dass auch mein Primärprozess eine gewisse Schärfe aufwies. Ich hatte gewisse Vorbehalte dagegen, mich bewusst mit der Rolle des Opfers zu identifizieren in dieser Situation, mit der Erfahrung des Opfers des Missbrauchs. Daher war es ein wichtiger Teil des Prozesses der Aufarbeitung des vergangenen Missbrauchs, die Grenze zu überschreiten und die Rolle bewusster einzunehmen. Dem Opfer zuzuhören und ihm seinen Platz einzuräumen. Und in der Lage zu sein, Missbrauch als Missbrauch anzuerkennen, da ich zuvor dazu neigte, das Geschehene herunterzuspielen und vor allem mir selbst die Schuld dafür zu geben. Selbst beim Verfassen dieses Textes war zeitweise Schuldgefühl präsent, das mir die Legitimität verwehrte, über den Missbrauch zu sprechen.

Sich in den Aggressor oder Täter hineinzuversetzen, war ebenfalls komplex. Es hat Zeit gebraucht, insbesondere, um aus der Perspektive der Missbrauchsszenen herauszutreten und mich selbst als Aggressor zu sehen. Aus der Rolle meines inneren Kritikers heraus war es jedoch einfacher, mich in diese Situation hineinzuversetzen. Die Schwierigkeit, sich selbst als Aggressor zu sehen, scheint ein Prozess zu sein, der dem der Gesellschaft oder Kultur ähnelt, die sich in gewisser Weise weigert, die Grausamkeit der Realität zu akzeptieren.

Wir leugnen die Fähigkeit, die wir als Menschen besitzen, unsere Kinder und Frauen auszubeuten und zu misshandeln, um die patriarchalische Gesellschaftsform, in der wir leben, aufrechtzuerhalten. Wenn wir dies leugnen, blenden wir die Tatsachen aus und leben in den Emotionen, die uns prägen.

Darder, 2018: 42

Allerdings habe ich in meinem Leben auch schon die Rolle des Aggressors gespielt. Zwar in geringerem Ausmaß als das Leid, das mir durch die Misshandlungen zugefügt wurde, aber im Kern doch dasselbe. Auch ich wusste nicht, wie ich mit den Auswirkungen umgehen sollte, die dadurch manchmal entstanden, da ich von Macht geblendet war und die Grenzen des anderen außer Acht ließ. Das ist zwar menschlich, aber nicht hinnehmbar. Wir haben als Einzelpersonen und als Gesellschaft noch viel zu tun, um das Bewusstsein für unseren Umgang mit Macht zu schärfen.

Durch die Auseinandersetzung mit der Figur des Angreifers, des Aggressors oder des externen Missbrauchers habe ich eine Verbindung zu meiner Fähigkeit, mich selbst zu schützen, zu meiner Stärke und meiner Kraft herstellen können, dank meiner Fähigkeit, Grenzen zu setzen und meine Freiheit zu finden.

Es war auch interessant die Rolle des Beobachters einzunehmen – als jemand, der von außen miterlebt, was geschieht. Ich habe festgestellt, dass es sich um eine Figur handelt, die ich im Auge behalten muss und der ich mehr Raum und Substanz einräumen muss. Sie ist wie ein beobachtendes Auge, und wenn ich sie erforsche, verschafft sie mir emotionale und physische Distanz, bewahrt dabei die Intensität und ermöglicht es mir, Informationen aus dem Feld zu sammeln. Diese Figur erwies sich als das Bild, das aus dem Prozess der Schlaflosigkeit hervorging und das ich als schützenden Metablick bezeichnet habe (Seite 38: Bild 3)

Die Fähigkeit, jede der verschiedenen Rollen zu übernehmen und herauszufinden, welcher Teil von mir in verschiedenen Situationen meines Alltags zum Vorschein kommt Das waren wichtige Schritte auf dem Weg zur Heilung und dazu, gelassener mit meiner Vergangenheit und meiner Gegenwart umzugehen – sowohl in Beziehungen als auch in der Welt. Im Gegenzug haben die Erfahrungen und Gefühle, die ich als Ausgegrenzte erlebt habe, das Feld weniger polarisiert. Ich achte nun bewusster darauf, was in meinem Leben geschieht, und stelle daher fest, dass ich weniger Missbrauch von außen erlebe.

In diesem Prozess der Traumaverarbeitung und des Schreibens darüber, Es war entscheidend, mich in den verschiedenen Phasen so zu akzeptieren, wie ich bin., sowohl in Bezug auf den Täter als auch in Bezug auf die Misshandlungen selbst. Um an der Energie des Täters arbeiten zu können, musste ich zunächst das Opfer sein. Ich musste mich in meine eigene Perspektive und meinen Schmerz hineinversetzen, um dann auf die andere Seite wechseln und ihr zuhören zu können. Und gleichzeitig musste ich akzeptieren, dass es kein linearer Prozess war, bei dem ich oft Empfindungen und Gefühle wiedererlebte, von denen ich dachte, sie seien bereits überwunden, und die neue Aufmerksamkeit erforderten. Es war ein Fließen zwischen den Phasen, und ich konnte beobachten, wie ich in manchen Phasen leichter gefangen war als in anderen.

Erst als ich mir erlaubt habe, meinen Ärger zu zeigen, konnte ich meine eigenen Wunden und Frustrationen – sowohl gegenwärtige als auch vergangene – hinter mir lassen und zu der Erkenntnis gelangen, dass niemand wirklich schuldig ist und dass jeder genauso wie alle anderen aufwachen muss.

Mindell, 1995: 57

Es ist von grundlegender Bedeutung, Traumata auf persönlicher Ebene zu bearbeiten, aber es ist auch notwendig, auf zwischenmenschlicher und gesellschaftlicher Ebene daran zu arbeiten. Es ist wichtig, in der Lage zu sein, auf verschiedenen Ebenen wirken, um die Menschheit zu verändern.

Ich hatte Zwei Heilungserfahrungen in meinem Prozess auf der relationalen und der weltlichen Ebene. Einerseits war es mit jemandem zu sprechen, der sich als Aggressor zu erkennen gab. Dadurch konnte ich die Interaktion zum Abschluss bringen was zuvor noch nie geschehen war, um später meine Rolle als Opfer hinter mir zu lassen und zur Überlebenden zu werden. Ich konnte mich unterhalten, wurde gehört und anerkannt – und zwar von einer Person, die die Rolle des Täters eingenommen hatte und den verursachten Schmerz akzeptierte. Und das zweite Erlebnis betraf die Welt im Allgemeinen, bei einer „Processwork“-Veranstaltung, bei der wir einen Gruppenprozess zum Thema sexueller Missbrauch durchführten. Es war heilsam, in der Lage zu sein, mich in einem sicheren Umfeld öffentlich als Opfer und später als Überlebende zu bekennen. Dieses schmerzhafte Geheimnis der Welt zu offenbaren und für die Gemeinschaft war das befreiend. Die Wunde, die der Gesellschaft zugefügt worden war, kehrte zu ihr zurück, sodass wir alle als Gesellschaft ein Stück weit Verantwortung übernahmen.

Neben den bereits erwähnten Rollen kommen im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch noch viele weitere zum Tragen. Eine Rolle, die ich selbst eingenommen und über die ich nachgedacht habe, war die der Fürsorgenden oder der Beschützenden. Eine Rolle, die in meiner Erfahrung fehlte – sowohl äußerlich als auch innerlich. In meinem Prozess gab es niemanden, der sich um mich kümmerte oder die Wunde sehen wollte. Ich wollte nur, dass sie heilt und verschwindet, dass sie aus meinem Körper ausgelöscht wird. Doch der Missbrauch entsteht erneut, wenn ich meinen Körper vergesse, wenn ich mich von ihm abkoppele, weil er zu viel Schmerz birgt. Es war eine wichtige Aufgabe, die Rolle des “Beschützers” im Hier und Jetzt wahrzunehmen.

Niemand möchte sich an ein Trauma erinnern. In dieser Hinsicht unterscheidet sich unsere Gesellschaft nicht von den Opfern selbst. Wir alle möchten in einer sicheren, überschaubaren und vorhersehbaren Welt leben, und die Opfer erinnern uns daran, dass dies nicht immer der Fall ist.

Van der Kolk, 2015: 221

Dieses Zitat von Van der Kolk erinnert mich an die Hologramm-Theorie. Nach dieser Theorie, Was wir in der Gemeinschaft beobachten, entspricht dem, was wir in unserem Privatleben erleben, und umgekehrt. Mein Glaube an diese Theorie hat mich dazu bewogen, an den verschiedenen Rollen zu arbeiten, die in mir vorhanden sind: Es sind jene, die auch in der Außenwelt leben und mit denen ich interagieren und verhandeln muss.

Jede Beziehung, jede Interaktion und jede Erfahrung ist eine neue Gelegenheit, etwas über Grenzen und den Respekt vor mir selbst zu lernen. Es sind Stationen auf dieser mythischen Reise. Und in ihnen sehe ich nun das Gefühl des Scheiterns, als sich die Geschichte wiederholte, als einen weiteren Schritt hin zur Befreiung von einer Narbe, von der ich glaubte, sie würde mich mein Leben lang prägen. Vielleicht werde ich dieses Mal in meinem Körper nie ganz auslöschen können, aber ich weiß, dass es sich in eine Art Tattoo verwandeln wird, das mich daran erinnert, wie wichtig es ist, auf mein Wesen, meinen Körper und meine Seele zu achten.

Wenn man sich von dieser Arbeit mitreißen lässt und sich von ihr innerlich zerreißen lässt, kann etwas Außergewöhnliches geschehen. Man beginnt zu begreifen, dass alle unmöglichen Situationen auch große Lehrer sind.

Mindell, 1995: 58

Auch wenn ich noch immer viele Wunden oder symbolische Verletzungen in mir trage, kann ich heute darüber sprechen und habe das Gefühl, dass all das, was ich durchgemacht habe, mich zu dem macht, der ich bin. Natürlich würde ich mir das, was ich erlebt habe, nicht aussuchen – das ist undenkbar. Aber ich nehme die daraus gewonnenen Erkenntnisse mit, betrachte die Erfahrungen als Lehrer und spüre das große Bedürfnis nach Fürsorge und Selbstfürsorge. Es gibt immer noch einige dieser Situationen, die ich – obwohl ich Abstand gewonnen habe und den Prozess als Ganzes betrachte – nur schwer vollständig akzeptieren kann, ohne dass mein Herz weint.

Manchmal hat mich all diese Arbeit und das Schreiben über das Trauma innerlich aus dem Gleichgewicht gebracht. Ich musste mein Bewusstsein schärfen und zu meinem inneren Kern zurückfinden. Ich habe mich dafür entschieden, den Schmerz dieser Erfahrung durchzustehen, um das Erlebte zu verarbeiten, mich mit meinem ganzen Wesen zu verbinden und es anzunehmen. Und mir geht es genauso Ein Traum für die Welt: dass wir eines Tages als Gesellschaft in der Lage sein werden, das, was wir verursachen, zu akzeptieren und zu übernehmen, was besser zu unserem Wesen passt. Ich träume davon, aus dieser kollektiven Hypnose, in der wir leben, zu erwachen.

Zum Abschluss dieses Kapitels habe ich mich gefragt: “Was bedeutet sexuelle Misshandlung für mich?” Und dabei habe ich mich auf ein Gefühl besonnen, das meinen Körper lange Zeit beherrscht hat: das Gefühl, dass mein Körper leer ist, als wären mir alle Organe entfernt worden. Beim Schreiben wird mir klar, dass dies die Reaktion oder das Gefühl ist, das ich nach dem Missbrauch hatte. Und bei sexuellem Missbrauch geht es darum, Macht über einen fremden Körper auszuüben und sich zu nehmen, was man will. Es bis zum Ende durchzuziehen, ohne über die eigenen Bedürfnisse und Wünsche hinauszudenken.

Wenn ich inmitten des Missbrauchs den magischen Schlüssel finden müsste, um mich davon zu heilen, dann wäre es meine Fähigkeit, weiterhin mit voller Kraft weiterzumachen., und meine Fähigkeit zu nutzen, auf meine Bedürfnisse und Wünsche zu hören – mit Achtsamkeit, Liebe und Selbstwertgefühl.

b) Der Abdruck auf dem Körper

Sexueller Missbrauch hat emotionale Folgen. In meinem Fall führte er zu Schmerz, Wut, Kontrollbedürfnis, Schuldgefühlen, Misstrauen, Ekel vor meinem eigenen Körper, Ablehnung von Sexualität oder der männlichen Figur, Ängsten … Und viele dieser Emotionen halten über Jahre hinweg an, obwohl die Missbrauchs-Erlebnisse der Vergangenheit angehören. So wie Emotionen festgehalten werden, werden auch alle körperlichen Erfahrungen und Empfindungen im Körpergedächtnis gespeichert.

Und wir versuchen, sie auszulöschen, zu vergessen, beiseite zu schieben … in dem Versuch, den unerträglichen körperlichen Schmerz unserer Gefühle zu überwinden.

Wir tun unser Bestes, um diese schrecklichen Empfindungen verschwinden zu lassen – sei es, indem wir uns verzweifelt an einen anderen Menschen klammern, uns durch Drogen oder Alkohol abstumpfen oder uns mit einem Messer in die Haut schneiden, um überwältigende Gefühle durch greifbare Empfindungen zu ersetzen.

Darder, 2019: 235

Seit Jahren kritisiere ich meine Lebensweise, die von Intensität geprägt ist. Es war eine innere Kritik, aber auch ein Teil meines sozialen Umfelds äußerte sich dazu, was meine Schuldgefühle noch verstärkte. Ich hatte oft das Gefühl, tot zu sein, wenn keine emotional intensiven Dinge passierten. Doch diese emotionale Intensität ging mit körperlicher Intensität einher, bei der mein Körper schrie und unter epileptischen Anfällen, starken Kopfschmerzen, Qualen … litt.

Es gibt Studien, die darauf hinweisen, dass sowohl Missbrauch als auch Misshandlung chemische Spuren im Gehirn hinterlassen und sich somit in einer Veränderung der Gene widerspiegeln – eine Veränderung, die zu einer erhöhten Empfindlichkeit gegenüber dem Stress des Alltags führt und die betroffene Person aufgrund einer niedrigen Serotoninkonzentration schutzlos gegenüber Depressionen und Impulsivität macht, und sie somit anfälliger für Suizid macht. (Darder, 2018: 208, sinngemäß wiedergegeben)

Für mich war es wichtig zu wissen, dass es auf der Ebene des Gehirns tatsächliche neurologische Gründe dafür gibt, warum Menschen, die starken Belastungen ausgesetzt waren, eher zu risikoreichem Verhalten neigen.

Viele traumatisierte Menschen scheinen nach Erlebnissen zu suchen, die die meisten von uns abschrecken würden. Und Patienten klagen oft über ein Gefühl der Leere und Langeweile, wenn sie nicht wütend sind, unter Druck stehen oder einer gefährlichen Tätigkeit nachgehen.

Van der Kolk, 2015: 34

Über die körperlichen, emotionalen und zwischenmenschlichen Folgen von Missbrauch durch andere Menschen zu lesen und mich in deren Worten wiederzufinden, war ein intensiver Prozess – schmerzhaft, aber auch befreiend. Ich hatte innerlich gespürt, dass meine chronischen Symptome damit zusammenhingen, aber es in den Worten anderer Menschen zu lesen, war ein Schlag für meinen Körper. Einerseits empfand ich tiefe Traurigkeit, als ich sah, welche Last Missbrauch mit sich bringt. Andererseits beruhigte es mich, die Geschichte, die Symptomatik und die Lebensweise zu verstehen, und nahm mir meine voreiligen Urteile. Wie dem auch sei, Verständnis lässt ein anderes Wesen in der Welt entstehen, das weniger aggressiv und freundlicher ist. Wenn man eine Geschichte über diese Erfahrung erzählt, wird sie dadurch weniger belastend.

Ein Trauma blockiert die Person und führt zu einer Dissoziation. Die Misshandlungen führten dazu, dass ich in einer von meinem Körper losgelösten Welt lebte, dem ich nur dann Beachtung schenkte, wenn es wehtat oder ich in veränderte Bewusstseinszustände geriet. Ich wurde zum Sklaven meines Verstandes und reagierte stets auf dessen Erwartungen. Ich hörte nicht auf die Botschaften meines Körpers, die mir halfen, mit meiner Wahrheit in Verbindung zu treten. Daher war es eine wundervolle Erfahrung, in der Lage zu sein, um zu meinen Empfindungen und meinem Gefühl zurückzufinden, wieder mit meiner Natur in Einklang zu kommen, meiner Intuition zu vertrauen und zu lernen, meinen Körper und mich selbst zu lieben.

Der Missbrauch hat sich tief im Körper festgesetzt, und um all das ertragen zu können, schotten wir uns ab und verdrängen Gefühle – sowohl die negativen als auch die positivsten Erfahrungen. Das heißt, wir blockieren jedes Gefühl der Freude.

Wenn wir auf meinen Kindheitstraum zurückkommen, können wir erkennen, wie die Rolle der Leidenden von dem Mädchen eingenommen wurde, das in Angst lebte. Dies steht im Gegensatz zur Figur der Mutter, die, obwohl sie offen war und “angegriffen” wurde, offenbar keinen Bezug zu dem Schmerz hatte. Bei diesen beiden Figuren lässt sich eine Polarität in Bezug auf die Empfindsamkeit beobachten. Diese Dualität zwischen Sensibilität und Unempfindlichkeit war eine sehr präsente Dynamik In meinen Erfahrungen mit Missbrauch habe ich gelernt, mich emotional zu betäuben und meinen Körper zu verlassen, um den emotionalen und körperlichen Schmerz zu überstehen und das Leiden zu vermeiden.

Viele Jahre lang war der Gedanke an eine sexuelle Beziehung beängstigend für mich. Einerseits vermittelte mir die Gesellschaft, dass Sexualität etwas Angenehmes sei. Andererseits stellte Sexualität für mich eine Gefahr dar und war mit Leid und Schmerz verbunden – sowohl körperlich als auch emotional. Und der Überlebensmechanismus, den ich sowohl in den Missbrauchserfahrungen als auch in den von mir gewählten Beziehungen gefunden hatte, bestand darin, meinen Körper zu verlassen, mich abzukoppeln, mir selbst aus dem Weg zu gehen, um dem Leiden zu entgehen. Den Körper vom Gefühl zu trennen. Sowohl beim Vergnügen als auch beim Schmerz. Der Körper war zu einem leblosen Gefäß geworden.

Der Mangel an Respekt gegenüber meinem eigenen Körper und meine traumatische Erfahrung, zusammen mit der sozialen Ausgrenzung im Zusammenhang mit dem Trauma (insbesondere im sexuellen Bereich), haben meinen Schmerz über viele Jahre hinweg geschürt. Dies prägte mich als ein „mangelhaftes“ Wesen, das nicht wusste, wie man das genießt, was gemeinhin als sexuelles Vergnügen angepriesen wird.

Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, meinen Körper zu respektieren und ihn mit Atem zu erfüllen, und gleichzeitig mich für ihn zu entscheiden und sogar den Schritt zu wagen, ihn zu wählen und in ihm zu leben.

In diesem Zusammenhang war die Arbeit in den Therapien von grundlegender Bedeutung, insbesondere aber die körperliche Arbeit, um wieder eine Verbindung zu meinen Empfindungen herzustellen und meinen Körper neu zu entdecken. Zu Beginn des Beitrags habe ich davon erzählt, wie ich wochenlang an einen Rollstuhl gefesselt war und wie ich dort eine starke Verbindung zu meiner Natur in der Bewegung gefunden habe. Heute ist mir bewusst, dass Tanz und Bewegung für mich entscheidend waren, um die Verbindung zu meinem Körper nicht zu verlieren.

Um wieder Freude empfinden zu können, ist es wichtig, die Erfahrungen des Missbrauchs zu verarbeiten und zu heilen. Zumindest war es bei mir so. Es war von grundlegender Bedeutung, darüber zu sprechen, Verbindungen herzustellen und die Geschichten neu zu ordnen, um den Körper zu entlasten. Um nach Lichtblicken und Lebenspunkten zu suchen. Den Überlebensmodus hinter mir zu lassen, aufzuhören, mich zu isolieren, und vor allem – und das ist ganz wichtig – die Fähigkeit zum Fühlen wiederzuerlangen. Und mir nach und nach Erfahrungen von Geborgenheit, Lust und Fürsorge zu schenken, damit dieser Körper lernt, dass er sich ohne Angst vor Bedrohung wieder für Gefühle öffnen kann. Es ist ein Weg des Wiederlernens und des Vertrauens.

Wieder Vertrauen ins Leben zu fassen, die Farben der Dinge wieder wahrzunehmen, die kleinen Details zu schätzen und nicht in einer Art Verfolgungswahn, ständiger Hypervigilanz und der Angst vor Angriffen zu versinken.

Die Arbeit mit Traumata und sexuellem Missbrauch ist ein langwieriger und zeitaufwändiger Prozess. Ich weiß nicht, ob ich irgendwann in meinem Leben das Gefühl haben werde, dass die Narbe verheilt ist, aber mir bleibt nichts anderes übrig, als mich weiterhin um sie zu kümmern und ihr Liebe zu schenken, damit sie jeden Tag weniger auf meinem Körper und damit auf meinem Leben lastet.

8) Verinnerlichte Unterdrückung, Glaubenssysteme und Missbrauch

Es scheint bei Menschen, die sexuell missbraucht wurden, sehr häufig vorzukommen, dass eine der Auswirkungen oder Folgen darin besteht, dass wir eine sehr verletzende innere Stimme entwickeln, weil wir das Muster, das wir gelernt haben, reproduzieren.

Wenn man so viele Jahre lang mit dieser Art innerer Kritik lebt, verankert sie sich so fest im eigenen Glaubenssystem, dass es schwer wird, zu unterscheiden, was missbräuchlich ist und was nicht, was zu einer bedrückenden Beziehung zu sich selbst führt.

Ich habe lange Zeit unter meinem inneren Kritiker gelebt und mich von ihm kontrollieren lassen. Es kam ein Punkt, an dem ich mich selbst und meinen Körper hasste und mich ekelte und verachtete … Es ist leicht, sich selbst zu unterdrücken, wenn man das schon ein Leben lang geübt hat, und es ist schwer zu bemerken, wann das geschieht, um Grenzen zu setzen.

Bei Missbrauch, Die Fähigkeit, NEIN zu sagen, geht verloren, fehlt. Der Umgang mit den eigenen Grenzen ist komplex, da es kein gesundes Vorbild gibt, an dem man sich orientieren kann, und man leicht wieder in Selbstmissbrauch zurückfallen kann. Beim Schreiben dieses Kapitels war die Metafähigkeit, mich nicht zu sehr unter Druck zu setzen, von entscheidender Bedeutung; denn die Rolle des „Drängers“ ist in solchen Dynamiken sehr präsent. Ich musste mich immer wieder daran erinnern, dass nichts passieren musste und dass ich ständig meine Grenzen neu verhandeln um eine Wiederholung von Missbräuchen zu vermeiden.

In Bezug auf Zustimmung, musste ich von innen heraus daran arbeiten, an meinem inneren Dialog. Es war ein Balanceakt und ein Aushandeln zwischen einem Teil von mir, der darum kämpft, aus der Opferrolle auszubrechen, und einem anderen, der Schutz braucht. Würde ich mit einem Klienten arbeiten, müsste ich genau auf das Feedback achten, aber in meinem Fall muss ich sehr bewusst auf meine eigenen Signale achten.

Im Laufe der Jahre sowie während dieser Reise, Mein Weltbild hat sich weiterentwickelt. Jetzt ist er flexibler, fließender und weniger kritisch. Aber es gibt immer noch einige verinnerlichte Kritiker, die schwer zu erkennen und zu stoppen sind. Im Zuge der Entwicklung meines Sekundärprozesses hat sich dieser weiterentwickelt und in meine Identität integriert, was es mir ermöglicht hat, den Metakommunikator zu erreichen. Die Fähigkeit, mir dies aus einer distanzierten Beobachtungsperspektive bewusst zu machen, war ein sehr wichtiger Aspekt, um den verinnerlichten Unterdrücker zu stoppen. Es war aufschlussreich, in meiner inneren Psychologie das missbräuchliche Muster zu erkennen, das Teile von mir selbst zunichte gemacht hat. Ich schätze es sehr, meine eigene Geschichte zu lesen und jeden Augenblick zu erkennen, wer es gerade schrieb.

In meinem Leben war der Kritiker zum Regisseur geworden, der bestimmte, was geschah. Er hatte die Macht und die Zügel an sich gerissen, er hatte von mir Besitz ergriffen, und mein ganzes Ich gehorchte seinen Anweisungen, während viele Teile von mir an den Rand gedrängt und unsichtbar blieben.

Indem ich mich mit meiner verinnerlichten Unterdrückung auseinandersetzte, gelang es mir, die verschiedenen Stimmen voneinander trennen als wären sie eine Gruppe, und ich habe einige kennengelernt, die zum Schweigen gebracht wurden. Dadurch fühle ich mich freier und neige weniger zu Depressionen.

Um mit dieser Unterdrückung umgehen zu können, musste ich erkennen, dass ich eine vorgefasste Theorie habe, Eine Geschichte über mich, die ich selbst erfunden habe und das habe ich angenommen, und oft führt dies dazu, dass meine Erfahrungen pathologisiert werden.

Die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zwischen inneren und äußeren Stimmen war entscheidend dafür, erkennen zu können, wann in mir etwas hochgeht, und zu verstehen, warum. Das zeigt, dass wir sowohl Opfer als auch Gestalter unserer eigenen Geschichte sind und gleichzeitig das Potenzial besitzen, uns davon zu befreien. Sich bewusst zu machen, was uns bedrückt, ist ein großer Schritt in Richtung Befreiung.

Durch die Entwicklung des Metakommunikators und das Unterscheiden der verschiedenen Stimmen habe ich eine Tendenz beobachtet, positive Dinge, die ich sage oder tue, auszublenden und nur das Negative übrig zu lassen. Es ist, als sähe man das Glas als halb leer an. Es war eine Übung, dies in dem Moment zu bemerken, in dem es geschieht, und es ins Bewusstsein zu rücken, damit die Erfahrung gewissermaßen demokratischer wird.

Wie bereits erwähnt, Erfahrungen, die ausgrenzen und an den Rand drängen ist Teil des Musters. Ich habe meine Ängste ignoriert und meine Intuition abgetan, weil ich der Meinung war, dass sie die Ursache für die Verdrängung seien. Wenn ich zum Beispiel Angst hatte, an einen bestimmten Ort zu gehen, habe ich mich von dieser Angst nicht aufhalten lassen. Ich habe die Grenze überschritten, in der Überzeugung, dass ich niemals Freude daran haben würde, wenn ich der Angst den Vorzug gäbe. Indem ich die Angst als unterdrückend interpretierte und nicht auf sie hörte, verlor ich die Informationen, die sie mir vermittelte. Darüber hinaus führten mich das Ignorieren der Anzeichen in missbräuchliche Situationen. Deshalb finde ich es wichtig, mich daran zu erinnern, meinem Körper und der Art und Weise, wie ich die Erfahrung durch meine Sinne wahrnehme, zu vertrauen.

Genau derselbe Prozess der Marginalisierung fand statt, als ich zum Neurologen ging und ihm meine epileptischen Anfälle schilderte. Er marginalisierte meine Erfahrung, indem er sie leugnete und seinem Wissen Vorrang einräumte, was bei mir Verwirrung und Schmerz auslöste. Der Arzt hat seine Theorie, aber ich habe meine Wahrheit. Der Teil von mir, der an das glaubt, was ich erlebt habe, ist der, dem ich eine Stimme geben muss, der Unterstützung braucht. Das ist der intuitive, nicht-dualistische Teil der Erfahrung. Ich muss dem Gefühl vertrauen und weitermachen, sonst wird es zu einer Quelle des Leidens und der Verwirrung, die zu verstörten Zuständen führen kann. Mir selbst zu folgen, wird zutiefst angenehm sein.

Ein ähnlicher Vorgang wie die zuvor erwähnte Angst tritt auf, wenn das, was wir als Die Tyrannei des inneren Kindes erscheint. Ein Teil tritt in den Vordergrund, fordert, was er will, und lässt keinen Raum für etwas anderes. Nur die Bedürfnisse dieses Teils sind präsent, der eine faschistische Haltung einnimmt und die anderen in den Schatten stellt. Wann immer dies geschieht, muss ich mich daran erinnern, mir Raum zu geben, damit ich über diesen dominanten Teil hinaus aufmerksam zuhören kann.

Wenn es in der Vergangenheit Missbrauch gegeben hat, ist es wichtig, auf den Umgang mit Macht zu achten, da diese missbraucht wurde und Leid und Schmerz verursacht hat. Dadurch entsteht ein ungesundes Muster. Wir müssen uns also bewusst sein, dass wir keinen inneren oder äußeren Missbrauch reproduzieren. Es ist wichtig, neue Wege zu finden, mit Macht umzugehen und sie zu teilen. Für mich war das harte Arbeit. Es gab Zeiten, in denen ich mich im Umgang mit männlichen Bezugspersonen in den Kampf um den Missbrauch zurückversetzt fühlte. Oder wenn ich Angst empfand und Grenzen setzte, waren diese hart und starr, ohne dass mir bewusst war, welche Auswirkungen ich damit verursachte.

Es stimmt auch, dass das Erleben von Missbrauch und das Überleben desselben zu einem großen Wissen und zur Entwicklung von Empathie, Durchsetzungsfähigkeit, der Verbindung zu den eigenen Wünschen und einem tiefgreifenden Verständnis für das Wesen des Lebens führen können, … Es ist eine Kraft, die wir im Processwork als “psychologischen Rang“ bezeichnen.31”. Man kann sie entwickeln, indem man an sich selbst arbeitet, um die Auswirkungen der Missbrauchserfahrung zu überwinden.

Dieses Bewusstsein kann Freude bereiten. Und für mich ist es jedes Mal eine Freude, wenn ich es teile und das Feld bereichere. Auch jedes Mal, wenn ich einen Schritt vorwärts mache, um diese Wunden zu heilen, jedes Mal, wenn ich eine Grenze setze, um für mich selbst zu sorgen, und jedes Mal, wenn ich gesunden Beziehungsmustern näherkomme. Diese Kraft ist auch dann ein Genuss, wenn ich Menschen bei der Aufarbeitung ihrer eigenen Missbrauchsgeschichten begleite und das Gefühl habe, dass sie sich verstanden fühlen. In diesen Momenten lohnt sich alles, wenn die Erfahrung aufhört zu bluten und beginnt, Licht zu spenden und zu heilen.

Missbrauch hinterlässt tiefe Wunden, deren Heilung Zeit braucht. Es führt zu Isolation und Einsamkeit denn auch heute noch sind diese Themen tabuisiert und werden nicht offen diskutiert. Deshalb ist es mir so wichtig, den Verborgenen und Ausgegrenzten eine Stimme zu geben und das, so beängstigend es auch sein mag, öffentlich beim Namen zu nennen. Ebenso geht es darum, über die Folgen von Missbrauch zu sprechen und darüber, wie sie sich auf zahlreiche Aspekte des Lebens auswirken, die im Stillen ertragen werden. In gewisser Weise bedeutet das Teilen meiner Erfahrungen, Menschen zu erreichen, die Ähnliches erlebt haben, und ihnen das Gefühl zu geben, weniger allein und besser unterstützt zu sein.

9) Das Unerwartete unterwegs

a) “Das Leben ist das, was passiert, während man damit beschäftigt ist, andere Pläne zu schmieden” – John Lennon

Dem Fluss des Prozesses zu folgen bedeutet auch, sich auf das einzulassen, was im jeweiligen Moment geschieht, anstatt sich dagegen zu wehren. Das bedeutet nicht, die Dinge einfach geschehen zu lassen oder Unterdrückung oder Leid passiv hinzunehmen. Es bedeutet vielmehr, dass wir uns, wenn ein Hindernis oder eine Schwierigkeit auftaucht, dieser stellen, um herauszufinden, welche Veränderungen diese Herausforderung für uns bereithält. Dies ist eine spirituelle Haltung, bei der es darum geht, zu entdecken, wie sich unser innerstes Wesen auf alles einstimmt, was im Alltag auftaucht, und wie dies verhindert, dass wir zu Opfern unserer Erfahrungen werden.

Diamond & Jones, 2004: 19

Inspiriert von diesem Absatz wird mir bewusst, wie wichtig es war, während des Schreibprozesses immer wieder Innehalte zu halten, um zu beobachten, was mit jedem Buchstaben, jedem Wort und jedem Satz geschah. Die Tatsache, dass ich den Zeichen gefolgt bin, diente mir als Leitfaden, um Informationen zu gewinnen und vor allem, um nicht Opfer meiner eigenen Erfahrungen zu werden und mich im Laufe dieser Reise nicht selbst an den Rand zu drängen. Sich dem Fluss hingeben bedeutet, sich auf das einzulassen, was sich zeigt, und das ist Teil der Verbindung zur Freude, zur nah am Prozess zu sein und an dem, was sich daraus ergibt: Grenzen, Kritik, Hindernisse, unterschiedliche Rhythmen, Entdeckungen, …

So paradox es auch erscheinen mag, dies Die Pilgerreise des Genusses war ein schwieriger, qualvoller und leidvoller Weg. Dennoch bereue ich zu keinem Zeitpunkt, mich für diese Reise entschieden zu haben. Diese Reise ist leichter geworden, je mehr ich mich selbst darin entdecke und eine engere Beziehung zu diesem Prozess aufbaue. Das hat mir geholfen, wieder eine Verbindung herzustellen und Gib mir Raum, auf eine andere Art in mir selbst zu leben, wobei zuvor aufgrund verinnerlichter Unterdrückung an den Rand gedrängte oder zum Schweigen gebrachte Teile zum Vorschein kommen.

Seit etwa einem Jahr schreibe ich und beschäftige mich mit diesem Thema. Ich habe verschiedene Phasen, die unterschiedliche Rhythmen und Implikationen erforderten, und es war wichtig, diese zu respektieren. Nach monatelanger Schreibarbeit erinnere ich mich, dass ich meinem Betreuer sehr zufrieden erzählte, dass mir die Worte ganz leicht von der Hand gingen. Seine Antwort lautete, dass es nicht immer so einfach sein würde und dass die Zeit kommen würde, in der ich über die Grenzen schreiben müsste, die sich dann zeigen würden. Das zu hören, machte mich wütend und traurig. Für mich war es eine Überraschung, dass mir das Schreiben Freude bereitete, und als ich das hörte, konzentrierten sich alle meine Kritiker auf diesen Aspekt. Ich blockierte mich so sehr, dass ich 40 Tage lang weder schreiben noch lesen konnte und mich vom Vergnügen sehr weit entfernt fühlte. Als ich nach dieser Zeit wieder an die Arbeit ging, begannen sich der Stil und die Stimmung meiner Dissertation zu verändern. Als ich den ersten Satz las, füllten sich meine Augen mit Tränen. Zwischen jeder Zeile lag Traurigkeit und Schmerz, und ich hatte beides unter dem Druck meines höheren Traums an den Rand gedrängt. Ich war zur Sklavin eines oberflächlichen Traums und des Scheins geworden, der sich “Freude” nannte. Ich lernte, dass Über Freude zu sprechen bedeutete auch, über Schmerz, Traurigkeit, Schwierigkeiten zu sprechen … über alles, was in diesem Moment da war und musste mir etwas Freiraum verschaffen. Etwas, das tiefer ging als das, was ich bisher immer unter “Lust” verstanden hatte.

Es ist interessant zu beobachten, wie es Phasen gab, in denen ich wie erstarrt war und mich wochenlang unwohl mit diesem Schreibprozess fühlte. Zu anderen Zeiten flossen die Worte, als würde ich widerstandslos in einem Fluss stromabwärts gleiten. Das Kapitel über die historische Entwicklung der Lust war schwierig, und um mich herum gab es unzählige Kritiker, die mein Schreiben kommentierten. Ich wusste nicht, wie ich diesen Abschnitt genießen sollte, und mir wurde klar, dass ich eigentlich gar nicht darüber schreiben wollte, weil es mich nicht wirklich interessierte. Ich habe es trotzdem getan beeinflusst von einem Glaubenssystem, das mir die Notwendigkeit eines rationaleren Denkens auferlegte oder theoretisches Kapitel.

Als ich anfing, über Missbrauch und Trauma zu sprechen, musste ich bewusst einen Gang zurückschalten, durchatmen und es langsam angehen lassen. Mir musste bewusst sein, dass bei einem Missbrauch oft alles sehr schnell und unerwartet geschieht und wir kaum Zeit haben, zu reagieren. Und um darüber sprechen zu können, musste ich mir den Raum zu geben, zu fühlen und die Signale nicht zu ignorieren die sich ereignet hatten, um den Missbrauch nicht zu wiederholen. Das erforderte viel Ehrlichkeit mir selbst gegenüber und Achtsamkeit in jedem einzelnen Moment. Ich könnte sagen, dass das Schreiben über den Missbrauch, obwohl es manchmal schmerzhaft war, mir gutgetan hat. Denn dadurch konnte ich die Eigenschaft, sehr verbunden und meinem Wesen nahe zu sein, verbunden mit dem Gefühl von Heilung, Selbstfürsorge und Befreiung.

Andere Kapitel, wie zum Beispiel das über den Kindheitstraum oder die verinnerlichte Unterdrückung, haben mich fasziniert. Ich konnte in neue Realitäten eintauchen und diese entdecken, so wie jemand, der einen Wald betritt und von jedem Lebewesen und jedem Detail, aus denen sich die Landschaft zusammensetzt, überrascht wird. In diesen Kapiteln, Es entstand Kreativität, die eine Vielzahl von Möglichkeiten eröffnete und mehr Freude am Entdecken.

Dennoch war es nicht einfach, dieser Auseinandersetzung Raum und Zeit zu widmen, obwohl ich ursprünglich beschlossen hatte, dass dies einer der Eckpfeiler dieser Reise sein sollte. Ich wurde beeinflusst von die Überzeugung, dass ich Zeit verschwende wenn ich, anstatt zu schreiben, anfange zu zeichnen, meinen Körper zu bewegen oder Skulpturen zu schaffen, die mit diesem Prozess in Verbindung stehen. Ich habe viele Monate gebraucht, bis ich Kunst und Körper einbeziehen konnte, und erst dann habe ich diese Reise wirklich genossen. Bewegung und Kreativität sind ein grundlegender Teil meines Wesens. Aber oft Vernunft und Produktivität als Rollen, die von der vorherrschenden Kultur gefördert werden, mein Wesen zu übernehmen und mich von dem zu trennen, was mich mit Leben erfüllt.

Eine sehr wichtige Rolle in meinem Schreibprozess spielt die Zeit. Die Griechen hatten dafür zwei Begriffe: “Kronos” und “Kairos”. Für mich war es wichtig, den Unterschied zwischen ihnen zu verstehen. Kronos misst die Zeit linear, in Bezug auf Quantität und Produktivität, und blockiert mich in vielen Momenten, in denen ich das Gefühl habe, dass ich gemessen an meinen Erwartungen nicht “genug schaffe”. Andererseits, Mit Kairos in Verbindung treten, das Jetzt, die ewige Gegenwart, lässt mich den Begriff von Minuten und Stunden vergessen und in das Erlebnis eintauchen, so als würde ich zwischen den Buchstaben, Erlebnissen und Begriffen tauchen. In dieser Art von Zeit ist es, dass Ich fühle mich “in der Gegenwart präsent”, wo ich das Gefühl habe, die Zeit “optimal zu nutzen” und dabei zu lernen und Fortschritte zu machen.

Jede andere Art von Zeit, in der man nicht in der Gegenwart ist, bedeutet einen Verlust an Lebenskraft, denn darin gibt es keine Präsenz. Der Verlust von Zeit tritt ein, wenn es keine Abfolge gibt, wenn wir festgefahren und gefangen sind und in einer linearen Zeit existieren; im Grunde gehen wir, ohne uns von der Stelle zu bewegen, und kommen in Bezug auf die Seelenentwicklung nicht voran.

Almaas, 2002: 186

Dieses “Gehen, ohne sich von der Stelle zu bewegen” erinnert mich an das Bild eines Hamsters, der in einem Laufrad seine Runden dreht, ohne voranzukommen. Für mich sind diese Momente das Gegenteil von Vergnügen. In der Prozessarbeit könnte man sagen, dass wir um eine Grenze herumkreisen. Das ist mir beim Schreiben passiert, als ich mich nicht wirklich auf die Erfahrung dessen eingelassen habe, was ich schrieb.

Almaas erklärt, dass das Leben aus einer Abfolge von Momenten der Präsenz im Hier und Jetzt besteht, aus dem Hier und Jetzt-Sein. Er spricht davon, was die “echte Zeit des Individuums” ist, was das echte Leben ausmacht. Meiner Erfahrung nach ist diese echte Zeit das, womit ich mich verbinden kann, wenn ich über Lust spreche.

Für mich sind Freuden jene Momente der Achtsamkeit, des Empfindens und der Verbundenheit mit dem, was ich gerade tue oder erlebe., sei es durch die Beziehung zum anderen oder durch mich selbst, wenn ich esse, berühre oder berührt werde usw. Es geht über die Tatsache hinaus, ob etwas an sich angenehm ist oder nicht. Es hat damit zu tun, wie ich dieses Etwas erlebe oder wie es mir dabei geht, ein “Gefühl und Einstellung” zum Leben, zu den Dingen, zu den Fakten und zu den Beziehungen, … Und diese Haltung war von großer Bedeutung und diejenige, die zum Zeitpunkt der Abfassung dieser Dissertation Sinn ergab; wobei diese Haltung ebenso wichtig war wie die behandelten Themen.

Auf halbem Weg habe ich entdeckt, dass Details was es meinen Fingern ermöglichte, fließend über die Tastatur zu gleiten: an wunderschönen Orten in der Natur zu schreiben, von Musik begleitet zu sein, mir Raum zu geben, innezuhalten und zu fühlen, das, was ich empfand, zu zeichnen oder auszudrücken. Es war wunderschön zuzuhören und zu erkennen, wo Freude entstand Während ich vor dem Computer saß, tat sich eine neue Vorgehensweise auf, ein neuer Lebensweg, eine Reise von einem anderen Ort aus.

Während ich darüber schreibe, muss ich lächeln, bin gerührt und mir steigen die Tränen in die Augen. Das liegt daran, dass ich einen Großteil meines Lebens lang nicht wusste, wie ich mich an diesem Ort verhalten sollte. Ich wusste nicht, wie ich Schönheit, den Wert kleiner Dinge, das Gute im Leben usw. erkennen sollte. Ich wusste nicht, wie ich mir selbst etwas geben sollte die Fähigkeit, auf die Signale meines Körpers zu hören auf meine Gedanken, Handlungen und Gefühle. Indem ich Freude am Schreiben fand, begann ich, ein Muster zu ändern und den Kritikern und tyrannischen Glaubenssystemen, die von mir Besitz ergriffen und meine Sicht auf die Realität verzerrt hatten, irgendwie Grenzen zu setzen.

Manchmal habe ich versucht, beim Schreiben linear vorzugehen. In anderen Fällen habe ich mich von der momentanen Laune mitreißen lassen32 dieser Erfahrung, die mich dazu veranlasste, näher darauf einzugehen. Indem ich mich vom Unbekannten, von dem, was meine Aufmerksamkeit erregt hat, habe mitreißen lassen, habe ich immer mehr Freude am Schreiben gefunden. Mir gefiel das Gefühl, das ich hatte – vor allem am Ende des Prozesses –, dass ich kleine Türen in einem Labyrinth öffnete, in dem ich Schwierigkeiten kennenlernte und verstand, in dem sich ein Knoten zu lösen schien und in dem der Weg immer mehr Licht und Farbe annahm.

Mir ist bewusst, dass es Punkte gab, die ich bis zum Schluss aufgeschoben habe und die infolgedessen nicht in die Dissertation aufgenommen wurden. Ein Kapitel, das leider gestrichen werden musste, war “Der Körper einer sozialen, kulturellen und politischen Frau im Verhältnis zur Lust”. Ein Thema, das mir sehr am Herzen liegt und mein Wesen ausmacht, und das Thema, das den Gegenstand dieser Dissertation bestimmt hat. Die Auseinandersetzung mit und das Schreiben über Frauen, Sexualität sowie soziale und kulturelle Grenzen, die unser Vergnügen einschränken, waren Themen, die mich während dieses Schreibprozesses dazu antrieben und inspirierten, so viele Stunden dafür aufzuwenden. Und es ist merkwürdig, dass ich mich unterwegs entschlossen habe, diesen Weg nicht einzuschlagen, obwohl das für mich anfangs das Ziel war. Aber wenn ich auf diesem Weg etwas gelernt habe, dann ist es, dass ich nicht alles kontrollieren kann, was geschieht, und dass Reisen bedeutet, offen zu sein für das, was geschieht.

Und in diesem Fall musste die Reise zu Ende gehen – aufgrund der Dauer, der Erschöpfung und der Selbstfürsorge. Wie ich eingangs bereits sagte, wusste ich zwar, wo der Abfahrtsbahnhof war, aber nicht, wann ich ankommen würde. Und in diesem Fall steht die Ankunft vorerst im Zeichen von Selbstfürsorge, Selbstachtung und Selbstliebe. Eine Ankunft und ein Neuanfang an sich.

Unsere Kultur besteht aus Anfängen und Enden. Alles hat einen Anfang und alles hat ein Ende […] Allerdings denken nicht alle Kulturen gleich. Das Diagramm, das den Fluss von Yin und Yang widerspiegelt, veranschaulicht die ständige Bewegung der Essenzen; nichts beginnt und nichts endet, alles fließt, und wenn es einen Höhepunkt erreicht, enthält dieser Höhepunkt bereits sein Gegenteil in sich.

Tasso, 2008: 79

Vor über einem Jahr fiel mir ein Buch von Mireia Darder in die Hände: “Born for pleasure”. Es war ein wichtiger Begleiter, der mich ermutigte, als Frau dem Thema Lust eine Stimme zu geben. Ich leitete sogar eine Reihe von Workshops für Frauen zum Thema “Selbstermächtigung durch Sexualität” aus der Perspektive des Processwork, um mich näher mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Doch je tiefer ich in die Erforschung des Konzepts eintauchte, desto mehr erweiterte es sich und umfasste Themen, über die ich zuvor noch nicht nachgedacht hatte. Seltsamerweise gelangte gegen Ende dieser Reise ein weiteres Buch derselben Autorin, das gerade erst erschienen war, in meine Hände: „Die Gesellschaft des Missbrauchs“. Und so verlief diese Reise. Ich konnte mich nicht mit der Lust und Sexualität von Frauen auseinandersetzen, weil der Missbrauch mir im Weg stand. Für mich Es war notwendig, diese Geschichte des Missbrauchs zu überwinden und zu verarbeiten, um sich dem Genuss nähern zu können., da dies einer der Hauptfaktoren war, der mich davon abhielt, mich mit Freude zu verbinden.

Glücklicherweise war es während der gesamten Reise so, dass Ich konnte mich dem Weg hingeben und habe mich nicht vom Ziel oder dem Abschluss ablenken lassen., was zu Spannungen geführt und meine eigene Reise sabotiert hätte.

Weitere Themen, die ich gerne vertieft oder weiter ausgearbeitet hätte: mein Lebensmythos im Zusammenhang mit Kultur und ihren “Geisterrollen”, veränderte Bewusstseinszustände und Suchtverhalten im Zusammenhang mit dem Vergnügen in der Gesellschaft. Vor allem aber hätte ich gerne den Körper und die Bewegung stärker einbezogen und meine Kreativität und Intuition besser genutzt. Und mich nicht so sehr von der Überzeugung leiten zu lassen, dass ich einen „ernsthaften und standardisierten“ Text verfassen müsse.

Andererseits gewannen Themen, die in meiner ursprünglichen Vorstellung nicht vorkamen – wie zum Beispiel Missbrauch –, in diesem Prozess an Bedeutung und nahmen ihren Platz ein, wodurch sie einen wichtigen Beitrag zur Heilung leisteten.

Eine interessante Erkenntnis auf diesem Weg war, dass das Leben ein Geheimnis ist, das es zu leben gilt, und kein Problem, das es zu lösen gilt – und dasselbe gilt auch für die Lust. Anfangs empfand ich sie in meiner Erfahrung als etwas Problematisches. Indem ich meine Sichtweise darauf geändert habe, habe ich es genossen, das Geheimnis hinter meiner Beziehung zur Lust zu entdecken. Manchmal sind unsere Gedanken begrenzt, was bedrückend ist und oft zu einer Pathologisierung führt.

b) Der Kritiker als Verbündeter

Etwas, das während dieser gesamten Reise sehr präsent war und von dem ich viel gelernt habe, war das ständige Bewusstsein, keine pathologischen Definitionen über mich selbst und meine Erfahrungen zu treffen. Es war überraschend zu sehen, wie oft ich meine Erfahrung unterdrücken, indem ich sie pathologisiere, ohne ihm die Möglichkeit zu geben, dies zu erkunden.

Angesichts der entscheidenden Rolle, die der kritische Blick von Beginn der Dissertation an gespielt hat, war es wichtig und entscheidend, ihm Raum zu geben und ihm aufmerksam zuzuhören.

Innerhalb des individuellen Glaubenssystems gibt es die aufgeheizten Systeme, die von Kritikern besetzt sind und die über die individuelle Psychologie hinausgehen. Sie setzen sich aus individuellen, soziokulturellen und gesellschaftspolitischen Glaubenssystemen zusammen. Dabei handelt es sich um innere Unterdrücker, die zwar soziokulturelle Aspekte aufweisen, die wir jedoch verinnerlicht haben. Der innere Kritiker ist ein Generalist, er ist nicht spezifisch, und das macht ihn nutzlos.

Zunächst mag es sich vielleicht widersinnig oder sogar gefährlich anfühlen, dem herannahenden Unheil entgegenzugehen. […] Wenn wir dem Tao folgen und uns den herannahenden Schwierigkeiten zuwenden, befreit uns das, da wir unsere körperliche und emotionale Energie nicht mehr für den Widerstand aufwenden müssen.

Diamond&Spark, 2004: 19

Ich finde es interessant, über die Rolle oder die Figur des Kritikers zu sprechen und sie dieses Mal mit Zuneigung, Aufmerksamkeit und Mitgefühl zu betrachten. Sie begleitet mich, seit ich kaum bei Bewusstsein war. Wir haben Berge bestiegen, Flüsse überquert, Ebenen durchquert … Sie war immer da und hat oft etwas zu sagen. Sie hat sich einen Raum genommen – oder bekommen –, in dem ihrer Stimme große Aufmerksamkeit geschenkt wurde und sie sogar den Prozess gelenkt hat, was viel Kraft und Energie gekostet hat. Doch ihre Art war nicht die eines guten Reisebegleiters; sie hat viel Schmerz, Unterdrückung und Leid verursacht. Auf dieser Reise hat sich unsere Beziehung mit jedem Schritt verändert. Es war keine leichte Aufgabe, aber für meine Gesundheit und mein Wohlbefinden war sie dringend notwendig. Tatsächlich wäre diese Arbeit ohne diese Veränderung in unserer Beziehung nicht möglich gewesen.

In meiner Geschichte hatte meine innere kritische Stimme einen sehr starken Einfluss: Sie hat meinen Schmerz heruntergespielt, mich dazu gedrängt, meine Grenzen zu überschreiten, mich unterdrückt und mir eingeredet, dass ich nutzlos sei. Deshalb war es notwendig, sie zu schulen oder zu erziehen, um ihr zuhören zu können und den Nutzen ihrer Botschaften zu erkennen. Ich habe gesammelt jede kritische Stimme, die mich als Schriftstellerin aufgehalten hat – ich habe mich damit auseinandergesetzt und ihr zugehört, bis ich die nützliche Botschaft und die darin enthaltene Weisheit erkannt habe, verschiedene Aspekte zu vertiefen und mir ihrer bewusst zu werden, um in meiner Ganzheit zu schreiben und mich vollständiger zu fühlen.

Zu lernen, wie man mit Kritik umgeht, anstatt sie nur zu bekämpfen und in der Opferrolle zu verharren, hat mit einem Eine neue Art, Macht und Vergnügen zu nutzen. Ein Weg, meiner Natur zu folgen und Entführe den Kritiker in eine Welt voller Schönheit. Ein notwendiger Schritt, um zu lernen, sich mehr auf die Schönheit des Lebens zu konzentrieren.

Wir sprechen hier von etwas sehr Tiefgründigem; es geht nicht nur um Vergnügen, nicht nur darum, uns in den Himmel zu entführen. Es ist eine Veränderung der Sichtweise auf die Welt. Die Kritik war eines der schlimmsten Dinge in meinem Leben, und ich habe sie mit Kreativität und einem neuen Blickwinkel so lange verändert, bis sie zu einem Verbündeten wurde, der mein Schreiben und meinen Schaffensprozess bereichert.

❖ Einige Stimmen der Kritiker:

C: “Du wirst nicht so viel Zeit damit verbringen können, dich mit dem Thema Lust auseinanderzusetzen, wenn du nicht weißt, wie du eine Verbindung dazu herstellen kannst. Du wirst es nicht aufrechterhalten können und wieder in eine Depression verfallen.“

→ Es ist wichtig, darauf zu achten, was mit mir geschieht, da ich weiß, dass ich große Grenzen habe, was das Erleben von Freude angeht. Das deutet darauf hin, dass es bei einer Depression etwas Wichtiges zu ergründen gibt. Die Unterscheidung zwischen gut und schlecht, zwischen dem Wissen oder Nichtwissen, wie man sich auf eine bestimmte Art und Weise verhalten soll, ist es, was mir Leid bereitet. Der Gedanke, dass ich mit dem Vergnügen verbunden sein sollte, bereitet mir Leid.

C: “Du hast noch nie eine Verbindung zum Vergnügen herstellen können, und jetzt schreibst du darüber, wie man darin lebt. Du weißt doch gar nicht, was Vergnügen ist! Du hast ein “Handicap”.“

→ Die Idee, sich auf das Bestreben zu konzentrieren, Freude zu empfinden und zu versuchen, ganz im Moment zu sein.
Und schau dir an, welche Grenzen mich daran hindern.

C: “Warum muss man in Bezug auf die Lust zwischen männlicher und weiblicher Sexualität unterscheiden?”

→ Es beleuchtet einen wichtigen historischen Aspekt sowohl des Körpers als auch der Geschichte der Frauen im Gegensatz zu der der Männer. Für mich geht es dabei um Sexismus, um das patriarchalische System…

C: “Pass auf, was du sagst, wenn du Feminismus ansprichst und über Frauen sprichst. Wenn du über Feminismus sprichst, musst du viele Bücher lesen und sehr fundierte Überlegungen anstellen.“

→ Das erinnert an die Glaubenssätze, die uns beeinflussen.
Das erinnert mich daran, dass ich über meine Erfahrungen schreibe. Das Wichtigste ist der Respekt vor mir selbst und vor meiner Wahrheit – unabhängig davon, was die Mehrheitskultur denkt oder sagt.

C: “Wenn du nicht rein oder perfekt bist, wirst du kritisiert.”

→ Hilft dabei, eine soziale „Geisterrolle“ zu definieren, die in vielen Ideologien präsent ist. Diese Rolle ist das Gegenteil von Vergnügen; sie bringt Menschen zum Schweigen – und bringt auch mich zum Schweigen. Sie findet sich im Feminismus, im Rassismus, im Marxismus … Sprich darüber, wie diese Rollendynamiken mich vom Vergnügen und der freien Meinungsäußerung abhalten und mich aus Angst vor Demütigung oder Kritik daran hindern, ich selbst zu sein.

C: “Niemand wird Interesse daran haben, eine Dissertation über das Leben einer bestimmten Person zu lesen. Das wird wie ein persönliches Tagebuch wirken.“

→ Richten Sie den Fokus auf andere Menschen mit ähnlichen Erfahrungen und darauf, was sie
was ich tun kann, um mich nicht so allein zu fühlen. Was ich erlebe oder lerne, ist persönlich, aber die Muster können auch anderen helfen. Denkt daran: Sich mit dem Persönlichen auseinanderzusetzen, ist politisch und notwendig.

Ich kann mich positiv zur anderen Seite des Vergnügens äußern und so erkennen, welche Mechanismen und Prozesse den Zugang zum Vergnügen fördern oder behindern.

C: “Es muss doch zu etwas nützlich sein.”

U → Weist darauf hin, wie wichtig es ist, dass es für mich und für andere nützlich ist. Es hilft mir dabei, nach dem Sinn zu suchen und herauszufinden, an wen es sich richtet.

C: “Es passt nicht zusammen, diese Arbeit mit Angst zu erledigen. Man hat keine Freude daran, die Dissertation zu schreiben.“

→ Ich sollte mir immer bewusst sein, wie wichtig es ist, mich nicht selbst zu unterdrücken und darauf zu achten, welche kritischen Stimmen oder Glaubenssätze mein Handeln beeinflussen.

Ich möchte Wege finden, so zu schreiben, dass es mir Spaß macht und ich den Teil finde, den ich gerne schreiben möchte, anstatt mich dazu verpflichtet zu fühlen.

Sprechen Sie über ein gesellschaftliches Glaubenssystem, das den Druck vermittelt, Freude empfinden zu müssen.

C: “Verschwende keine Zeit mit Zeichnen, Kreativität und Spielen, um deinen “kleinen” Körper in Bewegung zu bringen. Sei produktiv und komm voran.“

→ Die Verbindung zu mir selbst und die Fähigkeit, nach nicht-rationalen Lernwegen zu suchen, werden durch Sarkasmus, der beleidigend ist, zunichte gemacht. Das ist eine soziale und kulturelle Grenze.

C: “Du kannst nicht gut schreiben, deshalb hast du in der Schule immer Nachsitzen bekommen. Wenn du nicht spürst, was du schreibst, verstehst du nichts davon und es wird chaotisch.“

→ Betont, wie wichtig es ist, sich auf das Herz und die Gefühle einzulassen, um
von dort aus zum Ausdruck bringen zu können. Das erinnert mich daran, dass mein Potenzial in meiner Fähigkeit zu fühlen liegt.

C: “Wenn du deine Abschlussarbeit über Lust schreibst, werden die Leute denken, du seist ein ”Perverser“.“

→ Sprechen wir über das Glaubenssystem der Gesellschaft. Es gibt da eine kulturelle Grenze. Anfangs fiel es mir schwer zu sagen, dass ich meine Abschlussarbeit über das Thema „Lust“ schrieb. Ich rechtfertigte mich damit, dass es dabei um mehr als nur sexuelle Lust ging.

C: “Wenn du nicht deine ganze Geschichte erzählst, wird niemand verstehen, warum du das tust.”

→ Das erinnert mich daran, wie wichtig Grenzen sind: Ich bin zu nichts verpflichtet. Weder dazu, den theoretischen Teil der historischen Entwicklung zu beschreiben, noch dazu, meine schmerzhaftesten Momente oder Situationen preiszugeben. Ich kann meinen Lernprozess schildern, ohne auf intime Details eingehen zu müssen, die ich für mich behalten möchte.

C: “Du schreibst nichts Neues. Du leistest keinen Beitrag.“

→ Das erinnert mich daran, dass ich an mich selbst glauben und auf meine Erfahrungen vertrauen muss – und in gewisser Weise auch daran, wie wichtig das für die Welt sein kann.
Über Prozessarbeit ist bereits viel geschrieben worden. Ich habe all diese Erkenntnisse zusammengetragen und mich auf dieses spezielle Thema konzentriert. Vor allem aber habe ich meine eigenen Erfahrungen ausgewertet, um mein Wissen zu erweitern.

C: “Du wirst nicht wissen, wie du die Dissertation abschließen sollst, weil sie niemals vollständig sein wird. Du musst alles verstanden haben, um sie fertigstellen zu können.“

→ Es mahnt mich, auf meine eigenen Ansprüche und meinen Perfektionismus zu achten. Außerdem soll ich bedenken, dass es sich um ein sehr weit gefasstes Thema handelt, das ich eingrenzen muss, da ich nicht vorgeben kann, alles abzudecken. Ich muss akzeptieren, dass immer etwas fehlen wird. Es erinnert mich daran, dass Genuss damit zu tun hat, Grenzen zu setzen.

10. Schlussfolgerungen und gewonnene Erkenntnisse

Wir definieren die Realität auf der Grundlage unserer Erfahrungen, unseres Wissens und der sozialen und kulturellen Systeme, in denen wir aufgewachsen sind. Wir schaffen uns unsere eigene Sicht auf die Realität, und in meinem Fall war es notwendig, meinen Blickwinkel zu ändern, um meinen Horizont zu erweitern. Freude hatte in mir keinen Platz. Es war meine Aufgabe, all die Barrieren und Überzeugungen abzubauen, die mir das Vergnügen verwehrten und mich an eine Identität des Leidens und des Kampfes fesselten. Ich hatte mir in meiner Welt meine eigenen Grenzen geschaffen und das Vergnügen dabei außen vor gelassen. Nur ich selbst konnte mir die Erlaubnis oder die Möglichkeit geben, etwas anderes zu schaffen, und genau das habe ich getan.

An diesem Punkt angelangt, stoße ich auf eine mir vertraute Schwierigkeit: abzuschließen und Grenzen zu setzen. Ich spüre die Angst, die Last der Forderung, die Traurigkeit des Loslassens, die Unsicherheit, mich auf das einzulassen, was als Nächstes kommt, den Widerstand, das Vertraute aufzugeben … Unzählige Empfindungen, Emotionen und Gedanken durchströmen meinen Körper und beschäftigen meinen Geist. Und um mich nicht von der Verwirrung mitreißen zu lassen, blicke ich auf den gesamten Weg zurück, den ich mit dieser Arbeit zurückgelegt habe – insbesondere darauf, zu lernen, Grenzen zu setzen, Nein zu Missbrauch oder Kritik zu sagen und die zwanghaften Gedanken oder die ständige Pathologisierung meiner selbst zu stoppen. Und indem ich mich auf diese Fähigkeit verbinde, die ich besitze, setze ich mein Bestreben fort, auf mich selbst zu achten und den neuen Dingen, die auf mich zukommen, Raum zu geben. Es ist also an der Zeit, diese Reise abzuschließen.

Es war eine Reise voller Lernerfahrungen, vor allem auf der Erfahrungsebene und auf emotionaler Ebene, weniger auf rationaler oder intellektueller Ebene. Wenn ich eines sagen kann, dann ist es, dass Es war eine Pilgerreise auf der Suche nach der Einheit zwischen meinem Körper, meinem Geist und meiner Seele.. Und heute, da ich das Ende nahen sehe, kann ich auf der Ebene der Erfahrung mit der gesamten Reise zufrieden sein. Es war ein langer und beschwerlicher Weg, auf dem ich mich bis auf meine Seele entblößt gefühlt habe, und ich habe gelernt, dies mit Fürsorge und Respekt zu tun, und vor allem habe ich bedingungslose Liebe zu mir selbst entdeckt.

Zu Beginn dieser Reise betrachtete ich das Vergnügen als etwas Statisches, Feststehendes, als ein Ziel oder einen Ort, den es zu erreichen galt, als wäre es ein Ziel an sich. Und meine größte Erkenntnis war, den Weg zurück nach Hause zu entdecken.

Ja, es ist schon eine Reise zurück nach Hause …

Einer der wichtigsten Aspekte, um dorthin zurückkehren zu können, was ich “Zuhause” nenne, ist meinen Körper wieder zu bewohnen, darin zu atmen und zu fühlen. Dass der Körper aufhört, ein feindlicher, schmerzhafter oder gefährlicher Ort zu sein, und dass er zu einem Zuhause wird, das mich willkommen heißt, mir Zuflucht bietet, in dem ich mich wohlfühlen und vor allem sicher sein kann, während ich selbst für mich sorge. Dies steht im Gegensatz zu der Erfahrung, den Körper als einen Ort zu empfinden, von dem man fliehen muss – wie es bei Missbrauch oder Epilepsie der Fall war. Nach Hause zu kommen bedeutet, das Gefühl zu haben, in mir selbst zu leben und mit meiner Natur, meinem Wesen und meinem tiefsten Inneren verbunden zu sein.

Ein zweiter wichtiger Aspekt betrifft das Lernen, das mir jene Gelassenheit schenkt, die ich empfinde, wenn ich zum Wesentlichen vordringe, bis hin zu Phase 4. Eine Erkenntnis, die mir die Natur bescherte, als ich während des Erdbebens dem Tod nahe war und mich in einen Zustand tiefster Freude und Entspannung versetzen konnte, jenseits dessen, was gerade geschah. Das bedeutete, den Tod zu akzeptieren und den Kampf, die Identität, die konsensuelle Realität sowie die Polaritäten loszulassen, um auf die Ebene des Wesentlichen zu gelangen.

Ich begann diese Reise mit einer bestimmten Absicht, doch der Prozess entwickelte sich erst durch das Schreiben. Der Missbrauch drang in das Geschriebene ein, ohne Raum zu lassen, um weiterhin nach Lust zu streben. In meinem Fall waren Missbrauch und Lust untrennbar miteinander verbunden, und es wäre mir nicht möglich gewesen, zu meinem eigenen Körper zurückzufinden, ohne die darin festgehaltene Geschichte anzunehmen.

Ich habe festgestellt, dass Für mich bedeutet Freude, ganz mit meinem ganzen Selbst verbunden zu sein; es bedeutet, alle meine Anteile in Harmonie anzunehmen und zu umarmen.. Um ganz zu sein, muss ich unter anderem NEIN zum inneren Kritiker sagen und das Muster durchbrechen, in dem ich mir selbst und meiner Ganzheit – einschließlich meiner Unvollkommenheiten – keinen Raum gebe. Und Missbrauch ist Teil meiner Vergangenheit: früher sexueller Missbrauch, später innerer Missbrauch, der zwar mittlerweile weniger präsent und intensiv ist, aber weiterhin meinen Alltag prägt.

Für diese Reise habe ich mich vor meiner Abreise vorbereitet und überlegt, welche Fähigkeiten und Metafähigkeiten nützlich sein würden, um den Weg so schön und angenehm wie möglich zu gestalten. Ich habe mich auf den Weg gemacht, das Vergnügen anhand meiner eigenen Erfahrungen, Überzeugungen und Empfindungen zu erforschen und zu beobachten, was es für die Gesellschaft im Laufe der Geschichte bedeutete oder bedeutet hatte. Ich habe das Thema auch im Zusammenhang mit Gesundheit untersucht und damit, wie wir als Gesellschaft mit Schmerz und Leid umgehen. Auf diesem Weg tauchte die Natur auf, ebenso wie die Bedeutung der Verbindung zu ihr, zu ihren Zyklen und Rhythmen. Die Bedeutung, sie so zu akzeptieren, wie sie ist, ohne sie beherrschen zu wollen oder zu verlangen, dass die Dinge auf eine bestimmte Weise sind. Die Natur und die taoistische Weltanschauung haben mir wichtige Erkenntnisse über die Verbindung zum Genuss vermittelt.

In diesem Prozess Es war wichtig, meine geistige Welt zu kennen. Meine Glaubenssätze und meine Reaktionen auf Ängste und Ablehnungen zu erkennen und jede Stimme meines inneren Kritikers zu zerschlagen, um die Botschaft zu enthüllen, die sich dahinter verbarg. Und zwar nicht nur die mentale Landkarte, sondern auch die körperliche. Ich habe die Welt der Träume anhand der chronischen Symptome, körperlichen Erfahrungen und wichtigen Ereignisse erkundet, die sich auf meinem Weg ereignet haben, um die mythischen Energien oder archetypischen Muster meines Seins aufzudecken – jene Tendenzen, die mein ganzes Leben lang präsent waren. In all dem habe ich erkannt, wie ich durch die Nebenfiguren einen besseren Zugang zur Freude erlangen kann. Selbst jene Figuren, die mein Leben stark geprägt haben, waren Keime des Lernens und der Transformation.

Die Möglichkeit, verschiedene Rollen, Stimmen und Erfahrungen zu erkunden, war für die Arbeit im Bereich Trauma und Missbrauch von entscheidender Bedeutung.. Mit den verschiedenen Dimensionen umzugehen und die unterschiedlichen Phasen der Erfahrung und Auseinandersetzung mit Missbrauch akzeptieren zu können. Aber aus der Opferrolle herauszukommen, war entscheidend für die Arbeit an meinem inneren Missbraucher.

Dank all dessen habe ich all jene Schichten abgelegt, die ich in der Vergangenheit um mich herum aufgebaut hatte, um mit dieser Welt zurechtzukommen. Es war, als würde man eine Zwiebel Schicht für Schicht schälen, um mich frei von Kritik und Glaubenssystemen zu machen und so in der Lage zu sein, mich selbst wiederzuerkennen, mich wieder mit meinem Wesen zu verbinden und zu entscheiden, welches Kleid ich tragen möchte und wie. Nicht mehr nur zu überleben, sondern selbst zu entscheiden, welches Leben ich lebe.

Es war eine Reise hin zur Ganzheitlichkeit, hin zur Selbstfindung – hin zu der Erkenntnis, wer ich bin und wie ich mich in der Welt verhalte. Ich habe sowohl die bekanntesten Aspekte meiner Identität als auch die eher verborgenen Seiten erkundet, um mir ein umfassenderes Bild von mir selbst und damit eine demokratischere Realität zu verschaffen.

Die Arbeit mit der Lust und dieser langfristige Prozess, bei dem ich meine Grenzen in Bezug auf die Lust ausgelotet habe, haben mir geholfen, mich selbst besser kennenzulernen und mich mit meinem Lebensmythos zu verbinden. Ich habe entdeckt, dass die Verbindung zur Lust eine tiefe Verbindung zu meinem Wesen bedeutet; sie bedeutet, eng mit meinen Sehnsüchten und meinen Bedürfnissen verbunden zu sein. Es bedeutet, ganz nah bei mir selbst zu sein und den Zeichen aufmerksam zu folgen.

Indem ich an meinen langfristigen Herausforderungen arbeite, habe ich begonnen, neue Erfahrungen und in gewisser Weise auch eine neue Identität in mein Leben zu integrieren und mir dabei mehr Raum zu geben, kreativ zu sein, zu fühlen und Schönheit zu schätzen. Erst als ich mich selbst genug geliebt habe, habe ich mich in meiner ganzen Vollkommenheit gesehen.

Als heuristisches Projekt war es unerlässlich, auf externe Hilfe zurückzugreifen. Betreuer, die mich mit ihrem Feedback bereichert und mir dabei geholfen haben, den Prozess zu vertiefen – mit einem unvoreingenommenen Blick von außen. Ebenso wichtig war es, in mir den Blick des Metakommunikators zu entwickeln, um die primären und sekundären Prozesse der Erfahrung wertfrei und mit Mitgefühl zu beobachten. Dies hat mir geholfen, die Erfahrung zu erschließen und sie aus Neugierde zu erkunden.

Zu akzeptieren, dass Veränderung ein fester Bestandteil des Lebens ist und dass Dinge ihren eigenen Verlauf nehmen und Zeit brauchen, um sich zu verändern. Das ist nicht einfach, aber unerlässlich. Anfangs sehnte ich mich danach, mich ganz auf das Vergnügen einzulassen. Doch es hat lange gedauert und die Akzeptanz des Geheimnisses des Lebens erfordert, um dorthin zu gelangen, wo ich heute bin, und mich mit dem zu verbinden, was ich nun als Vergnügen bezeichne. Es war anders als das, woran ich vor einem Jahr geglaubt habe. Die Sichtweise auf das Leben ändert sich ebenso wie die Bedeutung, die man ihm beimisst.

“Wir haben es getan, weil wir nicht wussten, dass es unmöglich war.”

Allein schon das Verfassen dieses Artikels hat mir ermöglicht, mich mit dem Thema Freude auseinanderzusetzen, sie anzuerkennen und ihr Raum zu geben, damit sie einen größeren Platz in meinem Leben einnehmen kann. Ich achte auf jeden einzelnen Moment, darauf, was mich mit mir selbst verbindet oder nicht, und beobachte, unter dem Einfluss welcher Überzeugungen und inneren Stimmen ich in jedem Moment handle.

Freude …

Was ich über das Vergnügen herausgefunden habe, ist, dass ich es nicht in Einzelteile zerlegen kann,
aber ich kann es nur als Ganzes betrachten.
Es ist nicht unbedingt ein Ort der Ekstase,
noch von Glück, noch von der Abwesenheit von Leid oder Schmerz.
Es ist ein Zustand, der über das Sein oder Nichtsein hinausgeht und vielmehr die Frage betrifft, wie man sein soll.
Freude bedeutet, ganz im Hier und Jetzt zu sein und das, was ist, anzunehmen, ohne dagegen anzukämpfen.
Es bedeutet, seine Natur zu akzeptieren.
Wenn man von Vergnügen spricht, spricht man von der Gegenwart und sogar von Missbrauch.
Denn alles ist Teil derselben Geschichte, derselben Realität, derselben patriarchalischen Kultur, die Teil der ganzen Welt und ihrer Vielschichtigkeit ist.
Es geht darum, mich auf die Fluidität des Prozesses einzulassen und mich selbst durch den
Schwierigkeiten.
Es geht darum, auf mich selbst zu hören, mich selbst zu spüren und den Signalen meines Körpers zu folgen.
Ja, es geht darum, auf meinen Körper und seine Weisheit zu hören.
Es ist das Gefühl der Freiheit, sich nicht zu binden und Grenzen setzen zu können.
Es geht darum, zu wissen, wie man „Ja“ sagt, wenn es „Ja“ heißt,
und zu wissen, wie man NEIN sagt, wenn es NEIN heißt.
Man muss sich mit dem Missbrauch auseinandersetzen, um die Kraft zu erschließen, die darin verborgen ist.
Es geht darum, die innere Landkarte zu entdecken und mit Mitgefühl, Neugier und Liebe in die Tiefe vorzudringen.
Es bedeutet, mich selbst bedingungslos zu lieben.
Es geht darum, mich selbst in meinen Ängsten, meinen Grenzen und meinen Unsicherheiten zu respektieren, ohne sie zu überfordern.
Es hält denjenigen auf, der drängt.
Es geht darum, Besessenheit oder Urteile einzudämmen und stattdessen zu akzeptieren, dass es sie gibt.
Es geht darum, zu akzeptieren, dass ich Fehler mache, und diese als Chancen zum Lernen zu betrachten.
Es geht darum, den Lehrer hinter dem Missbrauch zu erkennen.
Es bedeutet, mich in meiner Vielfalt und Ganzheit anzunehmen und dass die verschiedenen Teile in Harmonie miteinander koexistieren.
Es ist das … ohne die Last von Überzeugungen und Verpflichtungen.

Um dem Schreiben einen Rahmen zu geben und es zu einem Abschluss zu bringen, muss ich akzeptieren, dass diese Schlussfolgerungen nicht perfekt sein werden. Unvollkommenheit ist Teil des Geheimnisses des Lebens und des Nicht-Leidens. Ohne diese Unvollkommenheit wäre die Perle im Inneren der Auster gar nicht entstanden. Unvollkommenheit schafft Schönheit und Magie. Wir versuchen, magische Dinge zu beschreiben, und manchmal ist das schwierig.

Von hier aus blicke ich mit Dankbarkeit und Respekt auf meine Geschichte zurück, und ich bin froh, diese Dissertation nun abzuschließen und Platz für neue Lebensabschnitte zu schaffen. Ich weiß, dass es noch viel zu lernen gibt, aber das, was ich bisher gelernt habe, reicht aus, um mich weiter voranzubringen. Meine Geschichte zu akzeptieren und anzuerkennen, ist eine hervorragende Grundlage, um einen neuen Weg einzuschlagen. Ich bin bereit und freue mich darauf, neue Muster, Landschaften und Erfahrungen zu entdecken und zu erforschen. Ich begrüße das Geheimnis des Lebens.

Ich möchte mit einem Satz schließen, der mich beim Lesen tief im Herzen berührt hat: “Erkenne, dass wir genau dort, wo wir sind, bereits angekommen sind.” Daher ist alles, was ich im Außen oder in der Zukunft suche, bereits in mir. Es geht nur darum, darauf zu vertrauen und ihm Raum zu geben. <<Eva…welcome home>>

11. Literaturverzeichnis

Ahmed, Sara (2010) Das Versprechen des Glücks. Duke University Press.

Almas, A.H. (2002) Facetten der Einheit. Das Enneagramm der heiligen Ideen. Der Märzhase

Castaneda, Carlos (2017). Reise nach Ixtlan: Die Lehren von Don Juan. Mexiko: Fondo de Cultura Económica, 1972. Nachdruck 2017.

Darder, Mireia (2014). Zum Vergnügen geboren: Instinkt und Sexualität bei der Frau. Barcelona: Ridgen Institut Gestalt.

Darder, Mireia (2019). Die Gesellschaft des Missbrauchs. Móstoles: Ridgen-Institut für Gestalttherapie

Diamond, Julie und Jones, Lee Spark (2004). Ein Weg, der durch das Gehen entsteht: Prozessarbeit in der Praxis. Portland: Lao Tse Press

Han Byung-chul (2002). Die Philosophie des Zen-Buddhismus. Herder

Han Byung-chul. Die Gesellschaft und die Erschöpfung. Herder, 2012
https://archive.org/details/271058357LaSociedadDelCansancioByungChulHan/page/n67

Kumar, Satish (2018). Elegante Schlichtheit. Barcelona: Icaria

Mindell, Amy (1995). Metaskills – die spirituelle Kunst der Therapie. Okland: Lao Tse Press

Mindell, Arnold (1995). Im Feuer sitzend. Barcelona: Icaria

Mindell, Arnold (2006). Der träumende Körper, prozessorientierte Therapie. Barcelona: Ridgen Institut Gestalt

Mindell, Arnold (2017). Der Körper des Schamanen. Barcelona: DDeXpresiones de democracia profunda

Mindell, Arnold (1995). River’s Way: Die Prozesswissenschaft des Traumkörpers. Pinguin

Mindell, Arnold (2017). Konflikte: Phasen, Foren und Lösungen.

Muñoz Goulin, Julián (2001). Der Taoismus. Madrid: Acento, Druckerei.

Tasso, Valérie (2008). Anti-Sex-Handbuch. Aktuelle Themen: Madrid

Tse, Lao (2016). Tao Te Ching. Granada: Valparaiso Ediciones S.L.

Van der Kolk, Bessel (2015). Der Körper behält den Überblick: Gehirn, Geist und Körper bei der Bewältigung von Traumata. Barcelona: Eleftheria

Pierre Morin und Gary Reiss (2010). Im Koma: Eine neue Sichtweise auf Bewusstsein, Heilung und Hoffnung. Praeger

Watts, Alan (2010). Was ist das Tao?. Barcelona: Kairós

Sonstiges:

Viele dieser Informationen stammen aus verschiedenen Seminaren, an denen ich im Laufe von mehr als sieben Jahren Ausbildung teilgenommen habe, vor allem am Instituto de Trabajo de Procesos und am Deep Democracy Institute.

Ein Großteil des Glossars stammt aus dem „Merged Glossary“.

http://psicorockgia.com/la-sociedad-depresiva-del-siglo-xxi

Video von Pierre Morin: https://www.youtube.com/watch?v=2FD5_qFRcpY


  1. Carol Hanisch zugeschrieben ︎
  2. Arnold Mindell zugeschrieben ︎
  3. Grenze: Sie stellt sowohl die Grenze der bekannten Identität als auch einen Berührungspunkt mit unbekannten Erfahrungen oder Identitäten dar. Strukturell gesehen trennt eine Grenze den primären vom sekundären Prozess. Moderatoren nutzen eine Reihe von Werkzeugen, um einer Person dabei zu helfen, ihre Grenze zu überwinden und das zu vollenden, was sie sagen, tun oder sein möchte. ︎
  4. Rahmen: Kommunizieren Sie über die Abläufe oder geben Sie einen “Lagebericht” darüber, was gerade geschieht, um das Bewusstsein dafür zu schärfen. ︎
  5. Feld: Eine emotionale Atmosphäre oder das gefühlte Bewusstsein eines bestimmten gemeinsamen Bewusstseins, das offenbar auf akausale, nicht-newtonsche Weise übertragen wird. Oder ein Bereich im Raum, in dem Kraftlinien wirken. Es ist gleichzeitig überall und bei jedem vorhanden. Es ist hier und jetzt in seiner Gesamtheit, wann immer wir auch nur daran denken. ︎
  6. Teleologie: Die Überzeugung, dass Naturphänomene nicht nur durch mechanische Ursachen bestimmt werden, sondern durch einen übergeordneten Plan oder Zweck in der Natur, oder dass es eine Endursache oder eine zukünftige Ursache gibt. ︎
  7. Bewusstsein: Bewusstsein des Bewusstseins, d. h. die Fähigkeit, sich bewusst zu sein, dass man sich der phänomenologischen Erfahrung bewusst ist. ︎
  8. Signale: Informationshäppchen. Ein Indikator – meist in Form von Bewegungen, Sprache, Tonfall oder anderen nonverbalen Signalen –, der eine Bedeutung vermittelt. ︎
  9. Weltanschauungen: Eine Reihe von Grundsätzen oder Leitsätzen, die von verschiedenen Faktoren im Leben eines Menschen beeinflusst werden und sich im Laufe der Zeit verändern. ︎
  10. Rolle: Eine Perspektive oder Funktion innerhalb eines Bereichs, die in der Regel zu unterschiedlichen Zeitpunkten von verschiedenen Personen eingenommen wird. Das Konzept der Rollen gehört zum „Traumwelt“-Aspekt des Prozesses. Zwar scheint jede Rolle – wie beispielsweise Chef, Untergebener, Patient oder Helfer – mit einer bestimmten Person verbunden zu sein, doch ist jeder von uns größer als jede einzelne Rolle. Mit anderen Worten: Menschen sind keine Rollen. ︎
  11. Metakompetenzen: Die Fähigkeit, die Kompetenzen anzuwenden. Die Qualität, die hinter unseren Fähigkeiten steht. Es sind die empfundenen Einstellungen, Werte und Überzeugungen, die unsere Art, mit anderen zusammenzuarbeiten, tiefgreifend prägen. ︎
  12. Innere Kritiker: Normalerweise sprechen wir von “inneren Kritikern”, um sie von einem externen Kritiker (z. B. einer anderen Person) abzugrenzen, aber natürlich können viele innere kritische Stimmen auch wie verinnerlichte Unterdrückung usw. sein … d. h., wir haben etwas verinnerlicht, das uns aufgrund unseres Geschlechts, unseres Alters sowie durch Missbrauch, Demütigung und andere Traumata herabsetzt. ︎
  13. Tiefe Demokratie: Die Überzeugung, dass in, unter oder hinter allen Sichtweisen Weisheit steckt und dass es die Freiheit geben muss, unterschiedliche Meinungen und Erfahrungen zu äußern, damit diese tiefere Weisheit verstanden werden kann, nachhaltige Lösungen für komplexe Probleme gefunden werden können und sich gesündere Gemeinschaften entwickeln können. Tiefe Demokratie ist sowohl ein Grundkonzept als auch eine multidimensionale Metakompetenz (Gefühlshaltung) gegenüber dem Leben, die die grundsätzlich gleiche Bedeutung von Themen und Anliegen der Konsensrealität (Fakten, Themen, Probleme, Menschen), Figuren aus der Traumwelt (Rollen, Geister, Richtungen) und dem Wesen (gemeinsame Grundlage), das alle verbindet, anerkennt. ︎
  14. Ältester: Eine Rolle oder Persönlichkeit, die in der Lage ist, Menschen oder Gruppen, die sich in einem Konflikt befinden, auf allen Seiten einer Angelegenheit gleichzeitig und mit Mitgefühl zu verstehen, sich in sie hineinzuversetzen und sie zu unterstützen. ︎
  15. Sekundäre Erfahrungen: stehen im Zusammenhang mit dem Prozess der Marginalisierung. ︎
  16. Sekundärer Prozess: Bezieht sich auf jene Erfahrungen, die weiter vom Identitätsgefühl einer Person entfernt sind. Aspekte unserer selbst, mit denen wir uns als Einzelpersonen oder Gruppen in der Regel nicht identifizieren wollen oder können. Oft projizieren wir diese Aspekte auf Menschen, die wir als “die Anderen” betrachten. Wir können diese Eigenschaften entweder marginalisieren oder bewundern und so in anderen Gruppen minderwertige oder überlegene Merkmale schaffen. ︎
  17. Das Wesentliche: Die gemeinsame Grundlage, die uns alle verbindet. Wenn das Wesentliche zum Vorschein kommt, dann
    drückt sich in Begriffen von Teilen und Prozessen von Traumland und Konsensrealität aus ︎
  18. Synchronizitäten: Ein scheinbar bedeutungsvoller zeitlicher Zufall zweier oder mehrerer ähnlicher oder identischer Ereignisse, die in keinem kausalen Zusammenhang stehen. Dabei handelt es sich um Kombinationen aus psychologischen und weltlichen bzw. physikalischen Erfahrungen. ︎
  19. Rang: Eine relative Position in der Gesellschaft, einer Organisation, einer Gemeinschaft oder einer Beziehung, die sich aufgrund wahrgenommener Unterschiede in verschiedenen Dimensionen wie Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, Alter, sexueller Orientierung, Aussehen, Gesundheit, Bildung, Sprache, finanzieller Situation, psychologischer oder spiritueller Bewusstseinsstufe usw. ergibt. ︎
  20. Kanäle: sind Signalträger, die beabsichtigte und unbeabsichtigte Kommunikation vermitteln. In der PW sprechen wir von vier nicht weiter unterteilbaren Kanälen: Propriozeption, Sehen, Hören und Bewegung; sowie von zwei zusammengesetzten Kanälen: Beziehung und Welt ︎
  21. Bewusstseinsstufen: Wir gehen davon aus, dass es … drei Stufen gibt: die Konsensrealität, das Traumland und die Essenz. Alle Stufen finden gleichzeitig statt. ︎
  22. Sozialer Rang: Er ist eine der vier Rangarten im Paradigma der Prozessarbeit. Es handelt sich um eine externe Rangart, die durch die Kultur und die Gesellschaft, in der wir leben, bestimmt wird. ︎
  23. Mahatma Gandhi zugeschrieben ︎
  24. Zugeschrieben an Brigitte Vasallo ︎
  25. X-Energie: ist eine störende Energie, die mit dem Sekundärprozess zusammenhängt ︎
  26. “Dreaming” (großgeschrieben) bezeichnet den Bereich der undifferenzierten Erfahrung, den Mindell auch als „empfindungsvolle Realität“ bezeichnet. „Dreaming“ (kleingeschrieben) bezieht sich darauf, traumähnliche Erfahrungen wahrzunehmen und ihnen zu folgen. ︎
  27. Metakommunikator: Dabei handelt es sich um eine Art “distanzierter Beobachter”, wie er im Buddhismus vorkommt. Es ist die Fähigkeit zur Selbstreflexion, die eigenen Erfahrungen wahrzunehmen, zu ordnen und darüber zu berichten. (Diamond & Spark, 2004: 28) ︎
  28. Veränderter Bewusstseinszustand: Ein Zustand außerhalb des normalen Bewusstseins ︎
  29. Bessel Van Der Kolk zugeschrieben ︎
  30. Geisterrolle: Im Processwork sind dies jene Rollen, die zwar Teil des Systems sind, aber nicht präsent sind, da sie von niemandem in der Gruppe verkörpert werden. Dabei handelt es sich um Stimmen, Perspektiven oder Meinungen, die von der Mehrheit oder der Gruppenkultur nicht akzeptiert werden oder als gültig angesehen werden. ︎
  31. Psychologischer Rang: Er ist eine der vier Rangarten im Paradigma des Processwork. Er ist innerlich geprägt und steht im Zusammenhang mit persönlichen Eigenschaften und der Art und Weise, wie man mit dem Leben umgeht. ︎
  32. Im Zusammenhang mit “Flirten”. Flirten: Wir verwenden das Wort “flirten” im allgemeinsten Sinne für etwas, das versucht, unsere Aufmerksamkeit zu erregen. Eine Blume zum Beispiel kann mit uns „flirten“ (und umgekehrt!). Das Flirten geschieht so schnell, dass wir es meist übersehen oder vergessen. Dennoch spielt das Flirten in der Kommunikation eine wichtige Rolle als Vorläufer von Signalen und potenziell schwierigen Kommunikationssituationen. ︎